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Das selbstbestimmte Leben und der Tod

Erschienen in der Stuttgarter Zeitung

Nach dem Einmarsch der Nazis in Österrreich fand 1938 Sigmund Freud Zuflucht in London. Aber die Belastungen der Flucht hatten Folgen. Ende August 1938 hatte sein Arzt Max Schur den Verdacht, dass sich in Freuds Mundhöhle wieder ein Karzinom entwickelte. Bald litt Freud unter unausgesetzten Knochenschmerzen.

Am 15. März 1939 steht in Freuds Chronik nur das Wort „Radium“. In Briefen ist Freud ausführlicher und zeigt, dass er auch angesichts des letzten Kampfes den Humor nicht verloren hat: „To cut a long story short, es hat sich nach vielen Untersuchungen ergeben, dass ich eine Rezidive meines alten Leidens habe. Die Behandlung, zu der man sich entschloss, besteht in einer Kombination von Röntgen von außen und Radium von innen, die immerhin schonender ist als – Kopfabschneiden, was die andere Alternative gewesen wäre….Es ist eben ein Weg zum unvermeidlichen Ende wie ein anderer, wenngleich nicht der, den man sich gerne ausgesucht hätte.“ So schreibt er an Hanns Sachs.

In den nächsten Wochen wurde Freud rasch schwächer. Die Sekundärinfektion des Knochentumors hatte ein Loch in die Wange gefressen, so dass eine offene Verbindung der Mundhöhle nach außen entstanden war. Freud konnte kaum mehr essen und sprechen; der schreckliche Geruch aus der Knocheneiterung ließ sich nicht mehr unter Kontrolle bringen und vertrieb sogar seine geliebte Hündin Lün.

Am 21. September ergriff er, als sich Schur an sein Bett gesetzt hatte, dessen Hand und sagte: „Lieber Schur, Sie erinnern sich wohl an unser erstes Gespräch. Sie haben mir damals versprochen, mich nicht im Stich zu lassen, wenn es so weit ist. Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr.“

Schur setzt seine Schilderung dieser Szene in seinem Buch so fort:
Als er von neuem schreckliche Schmerzen hatte, gab ich ihm eine Injektion von zwei Zentigramm Morphium. Er spürte schon bald Erleichterung und fiel in friedlichen Schlaf. Der Ausdruck von Schmerz und Leiden war gewichen. Nach ungefähr zwölf Stunden wiederholte ich die Dosis. Freud war offensichtlich so am Ende seiner Kräfte, dass er in ein Koma fiel und nicht mehr aufwachte. Er starb um 3 Uhr morgens am 23.September 1939.

Was Schur getan hat, ist menschlich überzeugend, vom Gesetz aber in fast allen zivilisierten Ländern mit Strafen bedroht. Die entsprechenden Verbote sind bis heute nur in Holland und Belgien aufgehoben worden, allerdings auch dort nicht in der Weise, dass Schurs Aktion „legal“ wäre. Sie würde allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit dort nicht verfolgt.

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