Artikel
Schreibe einen Kommentar

Das selbstbestimmte Leben und der Tod

Entscheidung oder Wahn?

Die Widersprüche zwischen dem Votum der Bevölkerung (70 bis 90 Prozent der Europäer befürworten in Umfragen die Sterbehilfe) und der Gesetzgebung lassen sich besser verstehen, wenn die unsichere Grundlage der Begriffe “Freiwilligkeit” und “Hoffnungslosigkeit” mit dem verknüpft wird, was wir über Depression wissen.

Es ist keine Nebenerscheinung, sondern das zentrale Symptom einer Depression, dass sich die Betroffenen ein Ende ihrer Qual nicht vorstellen können und lieber sterben wollen, als sie länger zu ertragen. Während aber der Tod definitiv ist, können Depressionen auch wieder verschwinden. Manche Depressive, die sterben wollten, und gerettet wurden, sind dankbar dafür und entscheiden sich für das Leben. Andere grollen den Ärzten, die sie gehindert haben, und versuchen es erneut. Diese Situationen belasten alle Therapeuten, die mit Suizidalen arbeiten. Sie wissen, dass niemand, der wirklich entschlossen ist, dauerhaft abgehalten werden kann. Aber wo sich jemand tötet, stellt sich der Helfer in der Regel die Frage: habe ich genug dagegen getan?

In anderer Weise beschäftigen sich die Schweizer Vereine Exit und Dignitas mit diesem Thema. Sie versuchen, den Wunsch ernst zu nehmen, aus dem Leben zu scheiden. Sie halten es für eine wirksame Form der Prophylaxe, Suizidale ausgangsoffen zu begleiten, sie ins Leben zurück zu führen, wenn diese das wollen, und sie auch aus ihm heraus zu begleiten, wenn sie es nicht wollen. So ist wenigstens das Selbstverständnis dieser Vereine. Wer ihre Mitglieder kennen lernt, wie der Autor jüngst auf einer Tagung in Zürich, kann ihnen Ernsthaftigkeit und guten Willen nicht so einfach absprechen, wie es in Sensationsberichten geschieht. Während Dignitas auch Ausländer begleitet und kostendeckende Gebühren fordert, ist bei Exit die Sterbebegleitung in einem Mitgliedsbeitrag von 35 Franken pro Jahr enthalten und auf Schweizer Mitglieder beschränkt. Was darüber liegt, sind freiwillige Spenden.

Im Grunde geht es um ein Stück Bürgerrechtsbewegung. Ist die Depression eine Krankheit, die unzurechungsfähig macht, oder ein Lebensmotiv, mit dem mündige Individuen verantwortungsvoll umgehen können? Dürfen wir die Urteile darüber, ob ein Lebensmüder sterben darf, den Experten wieder wegnehmen? Die Mitglieder der Schweizer Vereine eint die Überzeugung, dass es den Bilanz-Suizid gibt: die rationale Entscheidung, lieber den Tod als das Leben zu wählen. Sie stellen sich damit gegen eine Lehrmeinung, die vielleicht nicht ganz zufällig parallel zur Entwicklung antidepressiver Medikamente den ursprünglich von Psychiatern eingeführten Begriff des Bilanzsuizids aus den medizinischen Lehrbüchern getilgt hat. Die entscheidende Frage lautet: sollen Menschen gezwungen werden, solche Medikamente zu nehmen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.