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Das selbstbestimmte Leben und der Tod

Wir verstehen die ganze Debatte und die heftigen Emotionen sehr viel besser, wenn wir uns klarmachen, dass es für die Streiter nicht um konkrete Situationen geht, sondern um Ängste vor Möglichkeiten. Der Mensch kann Eventualitäten sehr viel schlechter bewältigen als Realitäten. Angesichts einer Realsituation behält die Angst ihre Gestalt. Sie hat einen Anfang, einen Höhepunkt und klingt dann ab. Angesichts einer bedrohlichen Phantasie ist das nicht möglich. Die Angst wird ihrerseits phantastisch und malt die schlimmsten Szenen.

Eine qualvolle Lebensverlängerung, abhängig von Apparaten und einfühlungslosem Pflegepersonal, der Pseudo-Freitod verelendeter Patienten oder der Suizid körperlich gesunder Depressiver im besten Alter sind rare Extremsituationen. Die überall gesetzlich erlaubten Möglichkeiten der passiven Sterbehilfe und des vernünftigen Dialogs reichen fast immer aus, um Grenzsituationen zu bewältigen. Die holländischen Erfahrungen zeigen, dass auch unter einer kontrollierten Freigabe Sterbehilfe sehr selten bleibt. Sie greift entgegen aller düsteren Ankündigungen nicht rapide um sich, im Gegenteil, die Zahlen gehen eher zurück. Die Schweizer Vereine Exit und Dignitas berichten, dass selbst in jenen seltenen Fällen, in denen sich Sterbewillige ein Rezept für Natrium-Pentotal besorgt haben, weniger als ein Drittel tatsächlich Suizid begehen. Den Rest entlastet die Möglichkeit, ihr Ende selbst zu bestimmen, so sehr, dass sie auf diesen Schritt verzichten können. Es ist wie bei den Angstkranken, die beruhigt schlafen, weil sie die Tranquilizer im Nachtkästchen wissen.

Warum sind Holland, Belgien und die Schweiz Vorreiter in dieser Frage? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen in diesen Ländern von der Tragik des Todes weniger berührbar sind oder es ihnen an ethischen Haltungen mangelt. Es scheint mir eher daran zu liegen, dass diese Länder keine ausgeprägte militaristische oder gar faschistische Vergangenheit kompensieren müssen und in ihrer Geschichte das Streben nach Selbstbestimmung eine große Rolle spielte. So können sie die Suche nach dem kleineren Übel schon zulassen, wo andere noch hoffen, durch moralischen Rigorismus längst durchlässige Dämme zu festigen.

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