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Tage der Manie

Diese Manie macht aus Spiel Ernst, aber auch aus Niederlage Depression, die unbedingt abgewehrt und verleugnet werden muss. Harmlos ist das nicht, denn es spiegelt Haltungen, die tief in die Politik hinein reichen. Auch dort ist schön geredet auch schon heil gemacht. In einem emotionalen Klima, in dem sich alles darum dreht, die manische Abwehr zu festigen, werden die Wähler angesteckt. Sobald sich herausstellt, wie wenig weit die großen Worte getragen haben, folgen sie sich nicht etwa dem, der ihnen auch schon vorher die Wahrheit gesagt hat. Sie suchen sich einen noch unverbrauchten Schönredner und Heilsversprecher.

Jeremy Rifkin hat in seinem Buch „Die empathische Zivilisation“ behauptet, es gebe etwas wie eine zwangsläufige Entwicklung zu einem globalen, von Einfühlung beherrschten Bewusstsein. Das scheint mir auch ein Stück manische Abwehr. Rifkin unterschätzt die Macht der Gegenkräfte und die Tatsache, dass Einfühlung nur unter günstigen Bedingungen überhaupt funktioniert. Und er erinnert sich zu wenig an die Möglichkeiten des Missbrauchs der Empathie, auf die Bloch hingewiesen hat: Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.
Da gegenwärtig nichts mehr als die Gehirnforschung lockt, eigenen Wertvorstellungen ein unantastbar solides Fundament zu verschaffen, werden gleich Bücher geschrieben über das „empathische Gehirn“, als wüssten wir erst jetzt, dass Mitgefühl und Empathie eine biologische Grundlage haben wie andere emotionale Reaktionen auch. Die Begriffskombination von Empathie und Nervenzentren soll den Eindruck erwecken, Einfühlung sei nicht oberflächliches Produkt von Erziehung und Konvention, sondern tief im Gehirn verwurzelt, daher unantastbar, mächtig, ein Garant für eine gute Entwicklung der Menschheit.

Wenn etwas besonders hoch gelobt wird, liegt der Verdacht nahe, dass da etwas verborgen werden soll. In der Tat wird uns niemand bestätigen, dass emotionale Intelligenz und Empathie in der globalisierten Wirtschaft prägende Kraft entfalten. Wir hätten nur so gerne, dass sie mächtiger wären. In der politischen Rhetorik scheinen sich die meisten Politiker einig darüber zu sein, dass es wichtig ist, sich in das Bedürfnis der Wähler einzufühlen, möglichst lange von unangenehmen Wahrheiten verschont zu bleiben. Eine Rede, die Mühe, Schweiß und Tränen verspricht, wie sie Churchill 1940 gehalten hat, würde am Einspruch der Medienberater scheitern. Warum sich einer Niederlage stellen, solange die Siegespropheten nachwachsen?

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