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Grossvater war im Krieg

Einmal sollte sie eine befreundete Kollegin von der Bahnstation abholen und mit in die Arbeit nehmen. Als sie dorthin kam, war die Strasse gesperrt, so dass sie sich erheblich verspätete. Dennoch wartete sie noch eine ganze Weile und rief dann in der Klinik an, um zu erfahren, dass die Freundin mit dem Zug gefahren war, weil sie den Stau beobachtet und gedacht hatte, die Fahrerin wäre längst umgekehrt.
Sie brach in Tränen aus und konnte sich tagelang nicht über ihre „Dummheit“ beruhigen. Sie spiele immer für alle den Deppen. Niemand danke es ihr durch die geringste Rücksicht und Aufmerksamkeit. Hinter diesen Selbstanklagen verbarg sich ihr Hass auf die Freundin. Die Patientin war rasend vor Sehnsucht nach deren Unbekümmertheit. Solche Einzelszenen ergänzen sich zu einem Bild einer strikt leistungsorientierten, darin aber auch höchst verwundbaren Psyche.

Die Betroffenen versuchen, ihre fortbestehende Sehnsucht, doch noch die umfassende und befriedigende Mutter-Beziehung zu finden, ebenso abzuwehren wie teilweise zu erfüllen, indem sie andere bemuttern. Sie sind gefährdet, sich für Partner aufzuopfern, die sie für sorglos und lebensfroh halten – und lassen sich beispielsweise von einem Trinker ausnützen.

Viele Frauen haben in der Kriegs- und Nachkriegszeit Kräfte entwickelt, die ihnen und ihren Kindern Mut und Zuversicht einflössten. Nichts alles davon wurde in der Restauration, die zur Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs einsetzte, rückgängig gemacht. Situationen wie das Notmatriarchat können auch ungewöhnliche Kreativität freisetzen, aber aus dem heute gewachsenen Abstand von der Kriegs- und Nachkriegszeit können wir auch erkennen, wie viele Schatten noch lange Zeit auf den deutschen Familien lagen.

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