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Grossvater war im Krieg

In der Nachkriegszeit geborene Patienten erzählen von Vätern, die abwesend waren, weggetreten, nie da, auch wenn sie da waren. Für die Kinder der verletzten Generation ist vielleicht der Burnout von Spiel, Einfühlung, großen Plänen und bunten Wünschen am eindrücklichsten gewesen, unter dem nicht nur die Väter, sondern beide Eltern nach den Kränkungen der enttäuschen Grandiosität litten, die während der NS-Zeit aufgebaut worden war und deren Verfall niemand beklagen durfte.

Beschrieben werden „normale“, mürrisch angepasste, an den Nachbarn orientierte Eltern, brave Kirchgänger, die Anpassung und Leistungsorientierung ebenso vorschrieben wie praktizierten, aber ihren Kindern nie so recht vermitteln konnten, wozu das Ganze gut sein sollte. Denn sie freuten sich über nichts und genossen nichts, außer vielleicht manchmal den kleinen Triumph, angepasster und tüchtiger zu sein als dieser und jener. Es schien ihnen auch nur eine lästige Pflicht, dem Kind seine Flausen auszutreiben, dass sein Überschwang, seine Phantasie, seine großen Pläne allesamt dumm und überflüssig seien. Aber sie taten es doch, pflichtbewusst und von ihrer Weisheit überzeugt, dass die Welt schlecht ist und der zu hoch gehobene Kopf zuerst vom Knüppel getroffen wird.

Wer zwischen 1946 und 1970 zur Schule ging, kann sich in aller Regel an Lehrer erinnern, die sich nach Kräften bemühten, ihren Schüler die eigene, verarmte, zynische Sicht der Welt aufzudrücken. Der verlorene Krieg wurde so wenig erwähnt wie die eigenen Verstrickungen. Aber die Härte und der Auslesegedanke des Nationalsozialismus hatte nicht nur in dem humanistischen Gymnasium überlebt, das ich besuchte.

Überall dominierten in den Schulen Lehrer, die auch schon vor 1945 unterrichtet hatten. Lehrer waren (neben den Ärzten) die eifrigsten Anhänger der NSDAP gewesen; bereits 1935 war ein Drittel aller Lehrer beigetreten. Während des Krieges waren an den höheren Schulen 90 Prozent der Schüler und der Lehrer Mitglieder in einer Organisation des Regimes.

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