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Die Macht der Religion (Teil 1)

Jedes Individuum ordnet, allein oder im Verein mit anderen, sich bekehrend oder andere bekehrend, seine Wahrnehmungen so, dass die Lebendigkeit oder der Tod Gottes sich in dieses Weltbild fügen. Mit den neueren Mitteln der Beobachtung des tätigen menschlichen Gehirns lässt sich nachweisen, was Freud schon in seinem ersten Entwurf zu einer Psychologie konstruierte: Das bewusste Erleben ist der letzte, späteste Schritt in einem unbewussten, sozusagen zum Körper, zur Physiologie hin offenen Geschehen. Da bildgebende Verfahren in unserer Mediengesellschaft besonders eindrucksvoll sind und eine öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen, nach der ein nachdenklicher Beobachter ohne teueres Equipment vergeblich sucht, folgte der (Wieder)Entdeckung dieser Priorität des organischen Prozesses vor dem bewussten Erleben eine ebenso merkwürdige wie veraltete Debatte über die Freiheit des menschlichen Willens. Wenn wir nachweisen können, dass eine Entscheidung im Nervensystem schon vollzogen ist, ehe wir sie bewusst erleben, dann bedeutet das doch, dass unser Freiheitsgefühl während dieser Entscheidung eine Illusion ist! Unser Erleben tapert Gehirnprozessen hinterher und behauptet, es habe sie gemacht, ähnlich dem Trunkenen, der behauptet, es gefalle ihm eben, die Rolle des Berauschten zu spielen, er könne aber, wenn er nur wolle, geradesogut stocknüchtern sein. So mag es sein, und doch mutet der Begriff der „Illusion“ vage und oberflächlich an. Er ignoriert, dass das erlebende Ich sich schon immer als Ganzheit, als Identität begriffen hat, dass die Entscheidung nicht eine des Bewusstseins, sondern eine Entscheidung der Person ist, mit allen Nerven- und Muskelzellen, dass das Freiheits- und Entscheidungsgefühl als intuitive Wahrnehmung dieser Ganzheit mehr ist als die Summe seiner Teile. So darf es auch einer künstlichen Zerlegung in den „objektiv“ im Kernspin erfassten Gehirnbefund und das „subjektive“ Erleben widersprechen. Auch dieser Widerspruch wird eher in den Nervenzellen sein als im Bewusstsein, aber das entkräftet ihn nicht. Und umgekehrt weiß jeder Praktiker der Psychotherapie, wie tief Erlebniswelten in die Körperzellen hineinwirken, wie sie die Immunabwehr stimulieren oder lähmen, körperliche Krankheiten begünstigen oder sich ihnen widersetzen. In der traditionellen Rede von der Illusion ist diese blass, wirkungslos, „nur“ Schein. Das aus einem Stück Holz oder einem Häufchen Laub von einer sehnsüchtigen Wahrnehmung geschaffene Bild des Steinpilzes ist „nur“ eine Illusion. Das Gefühl jedoch, mit dem wir, näher herangetreten, das Laubhäufchen zu Kenntnis nehmen, unterscheidet sich gravierend von dem Triumph, wenn wir tatsächlich einen Pilz gefunden haben. In diesem Zusammenhang taucht eine Szene auf, die den umgekehrten Verlauf signalisiert: wie die Illusion mächtiger werden kann als die Realität. Zwei Männer laufen einen halben Tag lang auf der Suche nach den begehrten Steinpilzen durch den Wald. Ein einziger, stattlicher Pilz ist die enttäuschende Beute. Am Abend vor der Heimfahrt, legt der Finder den Pilz auf einen Stein und drischt mit seinem Wanderstock auf ihn ein. Hier wird die Illusion – „Ich werde mit einem ganzen Korb voller Pilze heimkommen“ so mächtig, dass der einzige, „ertappte“ Pilz die Rache für die vielen ertragen muss, die sich nicht finden ließen. Das Beispiel verliert seine Harmlosigkeit, wenn wir den Terror gegen einen Touristen betrachten, der von einem Fanatiker niedergeschossen wird, weil er für eine verhasste Gegenmacht steht. Illusionen – in ruhigen Zeiten erkennen wir sie, in unruhigen beherrschen sie uns.

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