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Unsere Traumatisierten

Wir stellen es uns nicht gerne vor, daß es eine Form seelischer Verletzung gibt, die uns in unserem Weltbezug verändert. Nicht ohne Grund hat es das sogenannte posttraumatische Syndrom schwer gehabt, sich als eigene seelische Erkrankung durchzusetzen. Bis heute finden sich schlecht informierte Psychotherapeuten, die ernsthaft behaupten, wer ein seelisches Trauma nicht verarbeiten könne, das ihn als Erwachsenen getroffen hat, müsse in jedem Fall durch eine belastete Kindheit geschwächt sein.
Die seelische Traumatisierung stellt auch noch andere Klischees in Frage, mit denen die Alltagspsychologie hantiert. Darin heißt es beispielsweise, es sei gut, sich ein Trauma zu vergegenwärtigen und schlecht, es zu verdrängen. Aber in Wahrheit ist Verdrängung oft heilsam und Erinnerung oft sehr qualvoll. Wir alle benötigen eine Grundverdrängung, um nicht ständig darunter zu leiden, daß von einem Augenblick auf den anderen Schmerz, Krankheit und Tod in unser Leben eindringen können.
Besonders rätselhaft sind die verzögerten Reaktionen auf ein Trauma. Lafontaines Rückzug hätten 1990 nach seiner lebensgefährlichen Verletzung alle verstanden. Aber Lafontaine erholte sich äusserlich schnell und spielte eine wichtige Rolle in der SPD. Aber als im März 1999 Schröder bei einer Kabinettssitzung erklärte, eine wirtschaftsfeindliche Politik sei „mit ihm nicht zu machen“ und Lafontaine heftige Vorwürfe machte, weil dieser an seinen Positionen festhielt, gab Lafontaine auf. Anders als meines Wissens Schäuble hat Lafontaine seine Traumatisierung kommentiert; er bezog sich in seiner Autobiographie („Das Herz schlägt links“) auf den SPIEGEL-Artikel und begründete die Entfremdung zwischen ihm und Schröder damit, dass dieser 1990 „in seinem unnachahmlichen Charme“ zu ihm gesagt habe, „Der Stich in den Hals hat zwei Prozent gebracht.“
Lafontaine beschreibt, wie sich seine Verdrängung des Traumas nach dem Wahlsieg der SPD von 1998 lockerte. Er begann sich immer öfter die Sinnfrage zu stellen und zögerte mehr und mehr, sein Leben der Politik zu opfern. Seit dem Wahlsieg erlebte sich Lafontaine nicht mehr als Teil einer Bewegung, sondern als Opfer eines Machtsystems, das seine Visionen geringschätzte. Sein Beitrag zu Schröders Wahlsieg hat ebenso wie sein Rücktritt und schliesslich sein Anteil an der Erneuerung der Linken in Deutschland eine innere Logik. Oskar Lafontaine hatte schliesslich sein persönliches Trauma mit der SPD von Gerhard Schröder verknüpft, die ihn ein zweites Mal traumatisiert hatte. Daher ist es nur folgerichtig, wenn er sich mit der PDS zusammenschliesst, die wie keine andere Partei für die Traumatisierungen im Zusammenhang mit der hektischen und oft ignoranten Abwicklung der DDR steht. Das Duell Schröder/Lafontaine belegt, wie destruktiv es für jede Organisation ist, wenn sich ihre Alphatiere mobben. Fast immer gehen schliesslich beide Kontrahenten der Gruppe verloren; Orientierungslosigkeit ist die Folge.

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