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Unsere Traumatisierten

1990, mitten in seinem ersten Wahlkampf um das Amt des Bundeskanzlers, war Oscar Lafontaine niedergestochen und lebensgefährlich verletzt worden. Die Täterin Adelheid Streidel glaubte, dass mit Wissen der Politik in Höhlen unter der Erdoberfläche geheime Lager existierten, in denen Menschen industriell zu Konserven verarbeitet oder zu willenlosen Befehlsempfängern umprogrammiert würden. Sie sah es als ihre Aufgabe an, die Öffentlichkeit durch einen Politikermord darauf aufmerksam zu machen und notierte die Namen Helmut Kohls, Norbert Blüms und Hans-Dietrich Genschers in ihr Notizbuch. Später erklärte Streidel, dass Lafontaine das Opfer wurde, weil Rau ungünstiger auf dem Podium stand. Nachdem sie Lafontaine ihren Notizblock reichte, um diesen kurz abzulenken, zückte Streidel das Messer, stach es ihm in die rechte Halsseite und verfehlte die Hauptschlagader um Millimeter. Lafontaine verlor drei Liter Blut und kam knapp mit dem Leben davon.
Ebenfalls 1990 wurde Wolfgang Schäuble während einer ähnlichen Veranstaltung angegriffen. Der Attentäter feuerte drei Schüsse von hinten auf den damaligen Innenminister. Eine Kugel traf den Kiefer, eine das Rückenmark und eine wurde durch den Leibwächter Klaus-Dieter Michalsky abgefangen. Schäuble ist seither vom dritten Brustwirbel an abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Leibwächter überlebte knapp, ist aber inzwischen an einer Krebserkrankung verstorben.
Der Angreifer, Dieter Kaufmann, litt ebenso wie Adelheid Streidel an paranoid-halluzinatorischer Schizophrenie. Er hatte sich von dem Innenminister verfolgt gefühlt, wurde als schuldunfähig befunden und lebt heute betreut in einer Wohngemeinschaft.
Schäuble hat sein Schicksal mit bewundernswerter Energie bewältigt und sein Schicksal als Querschnittsgelähmter auch politisch umgesetzt: Er ist Kuratoriumsmitglied in der Deutschen Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) und Mitglied des Stiftungsrates beim Internationalen Forschungsinstitut für Paraplegiologie in Zürich.
Im Verständnis von Traumatisierten gilt es, zwei Gefahren zu vermeiden: einerseits die Reduzierung ihrer Persönlichkeiten auf das Trauma, anderseits Bagatellisierung und Ignoranz. Wer aus der Sicherheit und grundsätzlichen Zuversicht seines bisherigen Lebens herausgerissen wird, ist nachher nicht mehr derselbe. Aber er ist auch nicht vollständig durch das Trauma bestimmt. Dieses tritt mit der bisherigen Persönlichkeit in Wechselwirkung. Die eintretenden Veränderungen respektvoll zu beobachten und sich für sie zu interessieren, scheint mir human; sie zu verwenden, um die betreffenden Personen abzuqualifizieren, eine besonders üble Form der Entwertung.

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