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Und sowas von müde…

Solange Betsy ebenso wie er beruflich engagiert war, gab es nach Feierabend einen allmählichen, gemeinsamen Übergang aus der professionellen Anspannung in die Freizeit. Jeder fühlte sich darin von seinem Partner unterstützt und verstanden. Es herrschte eine Symmetrie der Erwartungen; es war möglich, über die Kollegen oder den Chef zu lästern und dann sich gegenseitig in den kleinen Kränkungen zu trösten, die in der Leistungswelt fast unvermeidlich sind. Florian fühlte sich von Betsy anerkannt; Betsy von Florian. „Dein Chef kann froh sein, dass er dich hat, er wird sich schon wieder einkriegen!“ „An dir liegt es sicher nicht, dass dich die Kollegin schneidet; ignoriere sie, und sie wird sich schon wieder besinnen, du kommst doch mit allen Menschen gut aus, bei deinem Charme!“Entscheidender noch ist in diesen harmonischen Zeiten einer Liebesbeziehung das Nichtgesagte – bewundernde Blicke, Zärtlichkeiten, Erotik.

Dann wird ein Kind geboren. Beide haben es sich gewünscht, sehen darin ein Zeichen, wie gut sie sich verstehen und wieviel Halt sie aneinander haben. Und doch verändert das Baby alles. In einer bäuerlich oder handwerklich bestimmten Vergangenheit festigten Kinder eine Zweierbeziehung; in den individualisierten Beziehungen der Moderne treibt die Geburt des ersten Kindes die Scheidungsrate auf den Gipfel. Eine gute Beziehung zweier belastbarer Personen kann mit Mühe noch Kurs halten; eine von unausgesprochenen Wünschen und hoher Rücksichtnahme auf die Kränkbarkeit des Partners belastete Partnerschaft geht zu Bruch.

Die Krise hängt damit zusammen, dass moderne Beziehungen frei sind und jeder Partner sich seine Rolle erarbeiten muss. Wo er leistet, will der individualisierte Mensch auch einen Lohn; wo er etwas für den Partner tut, will er Anerkennung vom Partner. Solange zwei Erwachsene miteiander arbeiten und füreinander sorgen, ist es leicht, hier Symmetrie zu wahren und ein Grundgefühl gerechter Verteilung zu sichern. Sobald aber ein Baby versorgt werden muss, wird das erheblich schwieriger. Florian und Betsy haben sich immer wieder, oft ohne es zu merken, schmerzhaft in ihren Anerkennungswünschen frustriert;. Florian vermisst Betsy Anerkennung für seine beruflichen Leistungen; Betsy Florians Bewunderung, wie gut sie den Verzicht auf den Beruf und den Stress der Kinderarbeit bewältigt. Unbewusst steckt in ihren Müdigkeiten Neid und Wut; Betsy findet, Florian konsumiere eiskalt ihre Bereitschaft, auf ihren Beruf zu verzichten und mit den Kindern zu versauern; Florian fühlt sich ausgenützt – Betsy gibt sein sauer verdientes Gehalt aus und sagt nicht danke. Aber da doch beide sich entschlossen haben, sich zu lieben und ieine gute ehe zu führen, passen diese Gefühle nicht in ihre Selbstbilder – daher der plötzliche Einbruch von Müdigkeit, wenn Wut und Neid anders nicht mehr verleugnet werden können.

Moderne Partner sind angesichts der riskanten Bastelei einer Ehe in individualisierten Zeiten auf sich gestellt. Sie hoffen auf die Möglichkeit, liebevolle Gefühle und feste Strukturen (wie sie für die Erziehung eines Kindes nötig sind) zu verknüpfen, sie gar in harmonischen Einklang zu bringen.

Sie können nicht vorausahnen, welche Gefahren ein Kind für ihre Beziehung mit sich bringt. Sie sehen zuerst nur die Chancen: die Erfüllung der Sehnsucht, sich zu verjüngen, unsterblich zu werden, eigene biologische Möglichkeiten auszuschöpfen, sich auf eine feste Bindung, eine nicht mehr rückgängig zu machende Verpflichtung einzulassen, die sie dann auch von Seiten des Kindes erwarten dürfen.

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