Alle Artikel in: Artikel

Die Justiz schweigt

Warum wir den Grund für das Morden nicht wissen wollen – und wie weit der Weg ist, um der Gefahr zu entkommen

„Es ist schwer, das Unfassbare zu begreifen.“ „Wir werden es wohl nie verstehen.“ Der erste Satz kommt aus einer aktuellen Tageszeitung nach dem rassistischen Massenmord an Kirchgängern in Charleston, Süd-Carolina. Der Täter, ein weißer 21jähriger, erschoss neun Menschen in einer vorwiegend von Schwarzen besuchten Kirche, nachdem er eine Stunde an der Bibelstunde teilgenommen hatte. Der zweite Satz stammt von dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Er fiel nach dem Massaker an der Columbine High School. Einige Monate vor Charleston [...]

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Auf nicht natürlichen Wegen

Wer als Psychoanalytiker täglich mit den seelischen Nöten der Menschen des 21. Jahrhunderts zu tun hat, kann glatt zum Nostalgiker werden. Was die Angst vor falschen Entscheidungen angeht, war vordem das Leben wahrhaftig bequemer. Ob Krankheit oder Gesundheit, Geburt oder Tod: unsere prägenden Affekte fordern gebieterisch, schnell aus der Zone der Unsicherheit an einen sicheren Ort zu kommen. Und die von uns geschaffenen technischen Möglichkeiten stehen dem im Weg.

Dieser Entscheidungsdruck lastet auch auf Paaren, die sich ein Kind wünschen und keines bekommen. In der guten alten Zeit musste sich ein Paar mit seiner Unfruchtbarkeit abfinden; meist trug die Frau, [...]

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Freunde bleiben, Feinde werden?

Es gibt Türen, durch die man sehr viel leichter eintreten kann, als man später hinauskommt. Die Ehe ist eine davon. Die Kosten der Urkunde sind minimal, verglichen mit den Beträgen, die bei einer Scheidung fällig werden. Daher will beides realistisch bedacht sein, die Bindung wie die Trennung. Von diesem Trennungsrealismus soll hier die Rede sein.

Dass er Not tut, ist einsichtig. Zu oft entbrennen ausdauernde und kostspielige Kämpfe, die nach einem Hollywood-Streifen „Rosenkrieg“ genannt werden. Die Rose ist das Symbol der Liebe, war aber zwischen 1455 und 1485 das Symbol heftiger Kämpfe um die britische Krone zwischen der roten Rose [...]

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Vieldeutige Rituale

Dieser Artikel ist in einer etwas längeren Version im November 2012 in „Psychologie heute“ erschienen.

Bei vielen afrikanischen Völkern ist oder war eine Beschneidung der Mädchen üblich. Ihnen wurden von älteren Frauen Klitoris und Schamlippen amputiert. Bei den Massai werden Männer wie Frauen beschnitten; damit endet auch eine Zeit der freien Sexualität, die den unbeschnittenen, noch nicht menstruierenden Mädchen erlaubt ist. Genitalverstümmelungen bei Frauen gehen in manchen Gruppen noch erheblich weiter. Die Scheide wird zugenäht (Infibulation), nur der Ehemann hat das Recht, dieses Hindernis zu beseitigen.
Die rituellen Genitaloperationen gehören in den betreffenden Kulturen zur sozialen Regulation der Sexualität. Dem [...]

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Harmlos ist die Beschneidung nicht

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 3.7.2012

Das Kölner Landgericht hat mit klarer Logik die Beschneidung als das definiert, was sie ist: Körperverletzung, nur dann rechtlich unbedenklich, wenn sie von einem mündigen Individuum in freier Entscheidung gewollt wird. Dagegen argumentieren die Vertreter des Brauchtums – wie auch Mathias Drobinski in der SZ – damit, dass Beschneidung „dem Wohl des Kindes“ diene und Männer ohne Vorhaut gerade so gut leben wie mit ihr.

Hier wird eine breite wissenschaftliche Literatur ignoriert, welche die Bedenkenlosigkeit sehr in Frage stellt, mit der vor allem in den USA Männer aus „hygienischen“ Gründen als Säuglinge beschnitten [...]

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Den Männern fehlen – Männer

Frauen verarbeiten einen gravierenden Verlust – etwa eine Scheidung – besser, wenn sie gute Freundinnen haben, an denen sie in ihrem Schmerz Halt finden. Verarbeiten auch Männer einen solchen Verlust besser, indem sie mit ihren Freunden darüber reden? Nein, sie probieren es erst gar nicht. Auch sie kommen über die Krise besser hinweg, wenn sie gute Freundinnen haben, an denen sie in ihrem Schmerz Halt finden. Vor den Kumpels wird die Blamage eher versteckt. Sehr viel mehr Männer als Frauen entwickeln sich nach einer Liebeskränkung zu Stalkern und verfolgen die Ex. Immer wieder werden sie auch gewalttätig – viel, viel [...]

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Dumme Dinge oder wie die Konsumwelt unsere Intelligenz ruiniert

Eine gekürzte Version dieses Artikels ist in der Ausgabe 03/12 von "Psychologie heute" erschienen
Es ist eine abgründige Frage, warum Menschen das Richtige erkennen, es billigen – und dann doch das Falsche tun. Sie wurde viele hundert Jahre lang von Moralisten gestellt und bezog sich auf das Handeln von Individuen, die beispielsweise wissen, dass Ehebruch verboten ist, diese moralische Haltung auch gegenüber ihrem Partner vertreten – und dann fremd gehen.

Mobbing zum Leben?

In Primitivkulturen sterben Menschen, die glauben, verhext zu sein, einen psychogenen Tod, den sie sich aus eigenem Entschluss nicht antun könnten. In Hochkulturen gedeihen Phantasien über ein von der Medizintechnik aufgezwungenes, von Schmerz und Scham getränktes Vegetieren. Der Arzt wird dann zur gnadenlosen Autorität, die den Wunsch zu sterben ähnlich abweist wie ein Militär den Wunsch des Soldaten, die Front zu verlassen. Debatten über Sterbehilfe, wie sie auch 2011 wieder auf dem Ärztetag in Kiel geführt wurden, wären überflüssig, wenn Menschen generell in der Lage wären, sich ein Ende nicht nur zu wünschen, sondern ihr Leben auch diesem Wunsch zu unterwerfen. Aber im Normalfall entzieht sich der Tod der Macht des eigenen Willens und bleibt der Macht Dritter unterworfen.

Ach, immer diese Entscheidungen!

Erschienen in: Stuttgarter Zeitung

Wer sich über die Qual der Wahl erregt oder gar unter ihr leidet, mag ein wenig Trost darin finden, dass es ihm gut geht. Not duldet kein Zögern. Das zeigt schon das Urbeispiel der Wahl-Qual,  Buridans Esel. Die Denkfigur soll erläutern, dass es nicht möglich ist, eine logische Lösung zu finden, wenn wir zwischen zwei gleichwertigen Möglichkeiten wählen müssen. Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.

Dem Esel, muss man sagen, geht es zu gut. Die Qual der [...]

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Die Ängste der dritten Generation

Dieses Interview erschien 2010 in der Zeitschrift NEON; es basiert auf dem Buch „Ein Land – Drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik“
Sie nennen die jungen Erwachsenen von heute »Generation Angst«. Was meinen Sie damit? Ich arbeite seit mehr als dreißig Jahren als Psychoanalytiker – und stelle fest, dass die Menschen in dieser Zeit sehr viel ängstlicher geworden sind. In früheren Therapiegruppen etwa waren die Leute viel unangepasster;...