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Unser Medizinsystem

In den meisten Fällen leisten die Ärzte ihre Arbeit zur völligen Zufriedenheit der Kranken. Sie tun weder zuviel noch zuwenig und ohne ertragen es, dass sie wie mein Chirurg erst größer und nachher kleiner erlebt werden als sie sind. Wenn wir es mit einem realistischen Umgang mit den Ärzten und einer sinnvollen Entwicklung des Gesundheitswesens so schwer haben, liegt das auch am Versagen von uns Patienten, unsere Ärzte durch Rückmeldungen zu unterstützen. Der Arzt lebt in einem Vakuum (ähnlich wie die Pflegekraft oder auch der Lehrer): Wenn er seine Arbeit gut macht, wird er vergessen; wenn er einen Fehler macht, kehrt ihm der Patient stumm den Rücken und sucht sich einen neuen Arzt oder beauftragt einen Anwalt.

Wer krank ist und wieder gesund wird, möchte an seine Krankheit so wenig erinnert werden wie möglich. Das heißt, dass der Arzt in der Regel keine Anerkennung für das erhält, was er gut gemacht hat. So kann er kein realistisches Selbstgefühl aufbauen, sondern bindet sich ebenfalls an die Idealisierung. Das hat zur Folge, dass Ärzte oft extrem kränkbar sind und ein Streit zwischen Chirurgen an einer Universitätsklinik Dimensionen legendärer Rosenkriege annehmen kann.
Unser Medizinsystem krankt an einem Führungsvakuum, das durch aufgeblähte Verwaltungsapparate notdürftig kompensiert wird. Der Arzt wurstelt vor sich hin, vertut unendlich viel Zeit mit Bürokratie, tätigt Lippenbekenntnisse zur medizinischen Qualitätskontrolle und handelt vor allem so, dass er keine Scherereien riskiert. Das nennt man defensive Medizin.

Die Patienten sagen ihm nicht, was er gut macht; sie kritisieren ihn nicht, wenn ihnen etwas nicht passt, sie gehen einfach zu einem anderen Doktor, den sie idealisieren können, weil sie ihn noch nicht kennen. Das führt zu den typischen Erscheinungen der Mehrfach-Diagnostik, der überflüssigen Röntgenbilder und Kernspins, der zahllosen Medikamente, die verschrieben, aber nicht eingenommen werden. Die Klage, wie schwer es ist, einen vertrauenswürdigen Arzt zu finde, höre ich oft. Aber Vertrauen wächst nur dort, wo Konflikte nicht durch Rückzug bewältigt werden.

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