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Die verletzte Narzisse

Jugendliche sind Mischwesen, in ihren Fähigkeiten den Erwachsenen mindestens ebenbürtig, aber noch verspielt; sie leben in inneren Märchen. Um ihre Persönlichkeit zu festigen, braucht es ein günstiges Gemisch aus Anerkennung und Frustration. Unsere Kinder brauchen Eltern, die ihn zutrauen, dass etwas Grosses aus ihnen wird. Und sie brauchen Eltern, die ihnen vermitteln, wo sie auf einer Leistungsskala stehen und welche Leistungen zu welchen Ergebnissen führen. Optimale Versagungen sollen das Selbstgefühl realitätstauglich formen, ohne den gesunden Narzissmus zu zerstören.
Verwöhnte Kinder scheitern an der Wirklichkeit; verängstigte können ihre Potenziale nicht verwirklichen. Britney Spears war ausserordentlich tüchtig, so lange sie um den Erfolg kämpfen musste. Aber sie hat viel zu selten erlebt, dass sich die Welt nicht allen ihren Träumen fügt. Sie musste sich nie einige Jahre alleine durchschlagen, ohne vom Erfolg verwöhnt zu werden, wie etwa ihre ältere Rivalin Madonna.
Erfolg übt eine Art Sog aus; er belebt eine innere Struktur, die Heinz Kohut – der Pionier der Narzissmusforschung – das archaische Grössenselbst nennt. Wer diese Struktur nicht durchschaut, kann nicht zwischen realen und imaginären Fähigkeiten unterscheiden. Je erfolgreicher ein jugendlicher Star, desto gefährlicher wird diese Struktur. Sie flüstert ihm ein, er sei rundum der Grösste, er könne jeden Widerstand besiegen, stehe über dem Gesetz.
Narzisstische Störungen sind keine Krankheiten wie eine Virusgrippe oder ein Beinbruch, die in allen Gesellschaften ähnlich aussehen. Sie sind immer auch die Karikatur sozialer Werte. In einem durchschnittlichen deutschen Gymnasium gibt es mindestens zwanzig anorektische oder bulimische Schülerinnen; in den Armutsvierteln von Kalkutta oder Kairo ist dieses Krankheitsbild unter Millionen unbekannt.
Ein Mädchen, das noch in Prinzessinnen-Träumen lebt und über Nacht zur Queen of Pop mutiert, bräuchte schier übermenschliche Disziplin, um seinen Grössenphantasien nicht zum Opfer zu fallen. Diese sind vor allem in Liebesbeziehungen schlechte Ratgeber. Um von einem Partner respektiert zu werden, um ihm vertrauen zu können, muss ich seinen Respekt erwerben, sein Vertrauen in meine Zuverlässigkeit und Zuneigung festigen.
Die narzisstische Grandiosität fordert bedingungslose Bewunderung – und Trennung im Augenblick der ersten Versagung. In ihr gibt es nur Idealisierung und Entwertung, grandioses Glück und pathetisches Scheitern. Als Britney Spears ihren Geschwindigkeitsrekord in Heirat/Scheidung aufstellte, folgte sie nicht nur einer besoffenen Laune. Sie demonstrierte auch in krasser Deutlichkeit das für die narzisstische Grandiosität charakteristische Kippen der Idealisierung in die Entwertung, der süssesten Liebe in den Abgrund der Verachtung.

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