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Vieldeutige Rituale

In der Beschneidungsdebatte sucht ältestes Brauchtum nach Argumenten gegen Justiz und Traumaforschung

So eindeutig die Ablehnung der Beschneidung durch ein psychologisch aufgeklärtes Gesundheitswesen ausfallen wird, so problematisch würde sie, wenn sich Polizei und Staatsanwalt in intakte Familien einmischen, die aus tiefer Überzeugung glauben, das Beste für ihre Kinder zu tun. Dadurch können seelische Schäden angerichtet werden, die weitaus schlimmer sind als die Folgen einer Beschneidung.
Einwände gegen die Körperverletzung an Zustimmungsunfähigen richten sich nicht gegen religiöse Überzeugungen. Allerdings unterstützen sie Strömungen, die sich gegen die religiöse Beschneidung richten, wie den Verein Ben Schalem (unversehrter Sohn), den Jonathan Enosch in Israel gegründet hat, oder die feministischen Tendenzen im Islam.

Traditionelle Beschneidungen an nicht zustimmungsfähigen Personen widersprechen einer modernen Auffassung des menschlichen Rechts auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit. Aber das heißt noch lange nicht, dass es dem Wohl der Opfer dient, Täterinnen und Täter zu verfolgen und zu bestrafen. Vielleicht sollte man ähnlich wie bei der Schwangerschaftsunterbrechung urteilen: Die Beschneidung ist rechtswidrig, aber sie wird unter bestimmten Bedingungen nicht bestraft.

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