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Vieldeutige Rituale

In der Beschneidungsdebatte sucht ältestes Brauchtum nach Argumenten gegen Justiz und Traumaforschung

Man kann sich nun fragen, weshalb es so lange gedauert hat, bis Ärzte und Juristen die traumatischen Aspekte der Beschneidung überhaupt zur Kenntnis genommen haben. Vielleicht hat dazu beigetragen, dass in der Beschneidungswelt so eindrucksvoll Licht und Schatten geschaffen wurden. Der harmlosen, den Penis verbessernden Beschneidung der Knaben wurde die bösartige, grausame, die westlichen Kulturen empörende Beschneidung der Mädchen in rund 20 afrikanischen Ländern gegenüber gestellt.

In den Stammeskulturen wird geschnitten, es blutet, es heilt irgendwann, dann sind die Opfer richtige Frauen und richtige Männer. Und natürlich gibt es Beschädigte, die ein Leben lang gezeichnet sind, deren Leid aber niemanden veranlassen wird, das Ritual in Frage zu stellen, so lange die Kultur geschlossen bleibt. Beschneidungen mutet die ältere Generation der jüngeren zu. Ihr Ursprung liegt wohl in einer symbolischen Kastration, mit der die Jugend dafür bezahlen muss, dass sie den Erwachsenen ihren Rang nimmt.

Sobald aber die Gesellschaft pluralistischer wird, sobald mehrere Kulturen unter dem Dach einer Gesetzgebung leben, haben wir es nicht mehr so leicht, solche Ritual nicht in Frage zu stellen. Je weiter wir vordringen, desto unübersichtlicher wird diese Landschaft von Tradition und Trauma, kolonialistisch wirkender Entwertung von Stammesritualen und emotionalem Schock des westlichen Beobachters angesichts der Werkzeuge einer afrikanischen Beschneiderin.

Wer seine Kultur hinter sich lässt und im Westen ankommt, spricht von Folter, von Verstümmelung. Inzwischen gibt es aber auch Frauen, welche eine (die Klitoris erhaltende) Beschneidung im Westen als ihr gutes Recht vertreten und die Diskriminierung in Frage stellen, welche es in der Tat bedeutet, wenn junge Männer nach der Beschneidung als Prinzen gefeiert und beschenkt werden, während die jungen Frauen leer ausgehen und kein Ritual sie würdigt.

Afrikanische Frauen sagen oft, dass ihr Genital durch die Beschneidung schöner und richtiger wird. Sie empören sich über den Eingriff in ihre Sitten nicht anders als die Befürworter in den jüdischen und muslimischen Gemeinden. Trotz der Verbote werden Mädchen überall weiter beschnitten, in Ägypten längst „schonend“ und von Ärzten.

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