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Vieldeutige Rituale

In der Beschneidungsdebatte sucht ältestes Brauchtum nach Argumenten gegen Justiz und Traumaforschung

Das Ergebnis vieler Mädchenbeschneidungen, man kann es kaum glauben, aber es ist doch wahr, gleicht der chirurgischen Kosmetik, welche Frauen in Kalifornien ihren Genitalien angedeihen lassen. Häute, Falten und Haare, welche die Natur uns schenkt, gefallen dem designverwöhnten Auge der Moderne nicht mehr.

Die Beschneidung entfernt „Überflüssiges“ und hebt dadurch das Notwendige hervor. Dass dieses Überflüssige mit Lust zu tun hat, das Notwendige mit Funktion (und Schmerz), ist ein Aspekt, von dem sich viele Religionen bis heute nicht befreit haben. Wer Macht ausüben will, muss Lustfeindlichkeit produzieren. Wer nicht auf Befehl Schmerzen erträgt, wird immer ein schlechter Soldat bleiben. Zur Rechtfertigungsideologie der Mädchenbeschneidung gehört: nur so seien Frauen fähig, Kinder zu bekommen und den Schmerz der Geburt zu ertragen.

Unbeschnittene galten in den arabischen und afrikanischen Stammeskulturen nicht als „richtige“ Männer und Frauen. In der Bibel ist eine Kriegslist beschrieben, in der die Männer einer Stadt mit einem Bündnisversprechen überredet werden, sich beschneiden zu lassen. Als sie im Wundfieber lagen, wurden sie niedergemacht (Gen 34,25).

Die religiöse Beschneidung der Säuglinge fügt sich gegenwärtig in die Praxis vieler Gemeinschaften ein, bindende Rituale möglichst früh zu vollziehen. Das wird meist damit gerechtfertigt, dass den Kindern sofort nach der Geburt die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft geschenkt werden soll.

Es könnte aber auch bedeuten, dass Entscheidungen über Mitgliedschaft oder Distanz nicht von einem später erwachenden kritischen Geist überprüft und womöglich abgelehnt werden sollen. Diese Alternative ist historisch jung und nicht in allen Gesellschaften gegeben, aber ganz so wertlos, wie sie gegenwärtig in manchen Tiraden gegen die Kölner Richter erscheinen soll, ist sie nicht.

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