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Die dunkle Seite der Mutter

Fehlt der liebende Partner, dann regieren Gesetze und Experten, welche den Müttern beibringen, was sie tun und was sie lassen sollen. Das Kind wächst in der Mutter, sie erlebt es als einen Teil des eigenen Selbst und sie kann es nur so sehr lieben, wie sie sich selbst liebt. Ist nun die Dynamik der wiederholten Kindstötung jener der wiederholten Abtreibungen von Frauen innerlich verwandt, die manchmal als Ersatz für angemessene Verhütung dargestellt wird? Ich halte diese Erklärung für oberflächlich. Die Schwangerschaft ist für das Selbstgefühl einer Frau ein eigener Wert, ein Beweis, dass sie etwas kann, was Männer nicht können. Das fasziniert gerade jene Frauen, die sich Männern unterlegen fühlen und in ihrem Selbstgefühl sehr geschwächt sind. Schwanger zu sein, gibt manchen Frauen ein unerschütterliches Gefühl sexueller Identität. Ein Kind hingegen ist etwas Äusseres, ein fremdes Wesen, das eigene Ansprüche stellt. Daher ist die Bereitschaft zur Schwangerschaft nicht mit der Bereitschaft identisch, ein Kind zu versorgen. Das Neugeborene dann zu töten, drückt die Macht des primitiven Narzissmus aus, jene abgründige mütterliche Allmacht, die Leben schafft und Leben nimmt. In der Antike hatte die grosse Göttin einen lebensspendenen Aspekt, verkörpert in Aphrodite und Ceres – und einen todbringenden, verkörpert in Hekate, in den Lamien, die in Vampirgeschichten fortleben, in Medea, welche ihre Söhne tötet, um den treulosen Gatten zu treffen. Es ist trivial, mehr Liebe einzufordern, aber doch längst nicht so töricht wie die Forderung nach strengeren Gesetzen und schärferen Kontrollen, die in solchen Situationen laut wird. Hilfreich wäre allein, Bedingungen zu schaffen, die an der Einsamkeit und Auslieferung isolierter Mütter etwas ändern.

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