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Stalking und andere Phantasiebeziehungen – Der Liebeswahn heute

Dieser Beitrag entstand für das Programmheft zu Händels Orlando an der Komischen Oper Berlin

ORLANDO:
Und das ist nun der Dank, grausame Angelica, für meine Liebe und meine Treue? Aber diese Flucht wird euch schlecht bekommen! Ihr werdet mir selbst in der Hölle nicht entgehen!
ZARATHUSTRA:
Der Verstand muss sich verwirren, er versinkt in tiefes Dunkel, lässt er sich von Liebe leiten.
(2. Akt, Szene 3 u.4)

Händels Oper Orlando ist ein früher Versuch, sich der Verwandlung von Liebe in Wahn, Wut und Hass zu bemächtigen. Händels Lösung, die aufgewühlten Emotionen nicht durch Gegenliebe, sondern durch Vernunft zu zähmen, kündigt die Aufklärung an. Gegenwärtig schwindet der Glaube an die Macht der Vernunft über die Affekte wieder. Liebeswahn ist in der Gestalt des Stalkers zu einem Massenphänomen geworden. Amerikanischen Studien zufolge werden pro Jahr in den Vereinigten Staaten rund eine Million Frauen und 300.000 Männer Opfer unerwünschter Aufmerksamkeit.

Häufig sind es Ex-Partner, die eine Trennung nicht akzeptieren oder flüchtige Bekannte, die sich eine Liebesbeziehung einbilden. Die Verfolger leugnen die Einreden der Vernunft, sprechen von Liebe und agieren Bemächtigung. Sie suchen in ihren Opfern nach einem Selbst, das genau so ist, wie sie es sich wünschen – oder sie rächen sich für dessen Mangel. Ihre sadistischen Aktionen gleichen den Bemühungen des Bildhauers, die im Marmor eingeschlossene Statue aus der blöden Materie zu befreien und ihre nur ihm sichtbare Gestalt freizulegen.

Die realen Gefühle des Opfer sind collateral damage. Vielleicht sind Vampirgeschichten auch aus diesem Grund so beliebt. Vampire sind unsterblich und sehr viel stärker als normale Menschen, solange die Sonne nicht scheint und sie genügend Blut trinken können. Wenn wir Verharmlosungen des ursprünglichen Mythos ignorieren, leben Vampire von dem Blut, das sie anderen nehmen. Das Opfer wird ausgesaugt. Oder aber es wird selbst zum Vampir.

Der zudringliche Liebhaber, der Grenzen nicht achtet, sondern sie einfühlungslos überschreitet, beutet Rücksichtnahme aus, manipuliert Gutherzigkeit, spielt mit Ängsten, droht mit Selbstmord oder Gewalt und hat nachher nur ein wenig übertrieben. Wenn alle so wären wie er, gäbe es ihn gar nicht, er hätte nicht den Freiraum, sich zu entfalten. Er ist der Carnivore unter den Pflanzenfressern und dankt seine Macht der Wehrlosigkeit jener, die vergeblich auf seine Einsicht hoffen, wenn sie ihm diesmal Strafe ersparen.

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