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Bond auf der Couch

Gibt es das: den hysterischen Mann?

Aber ja, und James Bond ist einer seiner Prototypen. Er lebt in einer Dauer-Adoleszenz, er wird nie erwachsen. Statt selbst zum Vater zu reifen, scheint er den bärbeissigen M. lebenslang als Vaterersatz zu brauchen. In der Erotik ist er an den Potenzbeweis fixiert. Auch sonst erinnert sein Lebensstil an den Playboy. Nur das Beste ist gut genug und alles, was nicht grossartig ist, ist langweilig.

Die moderne Hysterie, die wir seit Flauberts Roman über Emma Bovary beobachten können, hängt mit unerfüllten narzißtischen Ansprüchen zusammen. Der Hysteriker ist schlecht darauf vorbereitet, sich in der Suche nach sexueller Befriedigung an seiner Lust und an den gesellschaftlichen Normen zu orientieren. Das würde ja auf Beziehungen hinauslaufen, die „nur“ real-befriedigend sind, die keine Aufwertung, nichts Überoptimales versprechen. Sie würden ein stabiles Selbstgefühl voraussetzen, das nicht den Kick braucht, um dem Elend zu entgehen.

Das Selbstgefühl des Hysterikers ist deshalb wenig stabil, weil er sich nicht ausreichend, d.h. strukturbildend mit einem Elternteil identifizieren konnte. James Bond hat mit seinem Autor Jan Fleming das vaterlose Aufwachsen gemeinsam. Seinem Romanhelden lässt Fleming gleich beide Eltern sterben, als der kleine James neun Jahre alt ist. Dass das eine extrem traumatische Erfahrung ist, wird mit keinem Wort erwähnt. Als nächstes biographisches Detail über Bond erfahren wir, dass er ein von diesen Eltern ererbtes Vermögen hat, das ihn unabhängig macht, und im Alter von 16 Jahren in Paris Unschuld und Brieftasche verliert.

Fleming selbst, 1908 geboren, verlor seinen Vater noch früher. Major Fleming, ein konservatives Parlamentsmitglied, fiel im ersten Weltkrieg. Fleming wuchs in einer sehr ambivalenten Beziehung zu einer lange Zeit übermächtigen Mutter auf. Von Evelyne St.Croix Fleming konnte er sich äusserlich wohl erst befreien, als er die von ihr vorgeschriebene Karriere in Eton und Sandhurst „schmiss“ und ins Ausland ging. Fleming hat spät geheiratet (mit 45 Jahren) und ist relativ jung (mit 56) gestorben. Er hatte einen Sohn, Caspar, für den er ein liebenswürdiges Kinderbuch über ein Zauberauto schrieb. Den Selbstmord dieses Sohns im Alter von 23 hat der Vater nicht mehr erlebt.

Fleming hat Bond in vielen Details als anderes Ich gezeichnet – die Sprachkenntnisse (Fleming studierte in München und Genf), die Karriere bei der Marine, die Tätigkeit im Geheimdienst, die Liebe zum Roulette und zum Alkohol. Bond ist der Sohn eines schottischen Vaters und einer Schweizerin. Die Eltern stürzen im Gebirge ab. Der Held bleibt bindungsscheu, er ist ein kompensierter Alkoholiker (wenn er keinen Auftrag, keine fordernde neue Liebschaft hat, versumpft er und betäubt seine Depressionen mit Alkohol – „geschüttelt, nicht gerührt!“)

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