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Mut zum Versagen?

In „Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken“ ringt der Heidelberger Psychotherapeut und Leiter eines Instituts für systemische Therapie Arnold Retzer mit einem Phänomen, das ich einmal in dieser Kolumne die „Operettentherapie“ genannt habe: Dem Zwang zur positiven Stimmung, zur Durchhalteparole, zur Verleugnung von Fehlern, Trauer, Angst und Schmerz. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!

Zeitgeist, Kultur, Lebensentwürfe einzelner und die rapide steigende Anfälligkeit für Depressionen und Burnout bedingen sich wechselseitig. Wenn wir schon sonst nichts tun können, müssen wir die Wende auf dem Arbeitsmarkt oder an der Konsumfront herbeiglauben. Wagt ein Sportreporter, der deutschen Mannschaft den Siegeszug nicht zuzutrauen? Sind wir nicht Papst? Denken wir positiv!

Dieses positive Denken funktioniert nicht nur nicht – es ist die Ursache jener Störungen, die es zu bekämpfen vorgibt. Der Zwang zum Heldentum, zur Hoffnung, zur Nulltoleranz für Fehler, die Retzer an vielen Beispielen aus dem Tagesgeschehen der letzten Jahre dokumentiert – sie führen nicht zur Erlösung, sondern in die Erschöpfung.

Besonders amüsant ist Retzers Beschreibung der Strategien, wie Menschen sich daran hindern, einen Fehler zu erkennen und Folgerungen daraus zu ziehen. Er reitet dazu fast buchstäblich die Indianerweisheit noch einmal zu Tode: Wenn du entdeckst, dass du einen toten Gaul reitest, steige ab!

1. So haben wir den Gaul immer geritten!
2. Wir halten unserem Gaul die Treue!
3. Wir gründen eine Untersuchungskommission, um den Gaul zu analysieren!
4. Wir besuchen andere, um zu sehen, wie man dort tote Gäule reitet! (Benchmarking)
5. Wir ändern die Kriterien dafür, ob ein Gaul tot ist!
6. Man redet uns nur ein, der Gaul sei tot!
7. Kein Gaul kann so tot sein, dass man ihn nicht noch schlagen könnte!
8. Wie „frisieren“ die Vergangenheit
9. Wir spannen mehrere tote Gäule zusammen, damit sie schneller werden! (Synergie)
10. Wir entwickeln eine sehr enge, intime Beziehung zu unserem toten Gaul!
11. Tote Gäule zu reiten ist die hohe Schule der Reitkunst! (S.131-147)

Es kostet nicht viel, jemanden dafür zu tadeln, dass er eine Situation zu negativ sieht. Es ist spottbillig (und kommt beim Depressiven oft tatsächlich an wie Spott), das Schlechte zu wenden, bis es besser aussieht. Meist unterstellt ein solcher Ratschlag dem Beratschlagten eben jenen Mangel an Einsicht und Intelligenz, der den Ratgeber selbst auszeichnet. Statt sich auf den Kontakt einzulassen, eine Forschungsreise anzutreten, herauszufinden, was den Leidenden in seinem Leiden festhält, wird der Hilfesuchende durch eine Geste der Überlegenheit klein gemacht.

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1 Kommentare

  1. Ver-sagen sehe ich in der Ich-kann-Schule als nein sagen zu sich selbst.
    Wie immer müssen wir für LÖSUNG nicht fleißiger werden sondern fauler.
    Nein zu sagen, das ist eine wichtige Fähigkeit und Möglichkeit.
    Wenn wir das „zu sich selbst“ weglassen, bleiben die für uns günstigeren Möglichkeiten übrig.
    Dann erleben wir, wie wir a) durch weniger Aufwand und b) dadurch einen feineren Umgang mit unseren Geistes- und Seelenkräften, erwünschten Erfolg erfolgen lassen können.
    Wir erleben uns als Könner.
    Das gibt Kraft und lässt einen WACHSEN.
    Und eben durch WACHSEN werden wir dem Leben GEWACHSEN.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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