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Vom Segen des Wartens

Empathieverluste

Wenn uns Impulse zur Aktion drängen, ist es ein guter Rat, abzuwarten – um die schnellen Affekte von Angst (im ersten) oder Wut (im zweiten Beispiel) auszubremsen. Was wollen sie uns sagen und was entspricht wirklich den Interessen der Beteiligten?

Dem Hai-Syndrom und der Amok-Fahrt gemeinsam ist ein akuter Empathieverlust. Die Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen, schwindet angesichts der eigenen Bedürfnis- und Emotionslage. In der impulsiven Reaktion versagen Funktionen des Gehirns, die normalerweise die schnellen Affekte mäßigen und zu einem Plan B verhelfen, der die Folgen der eigenen Reaktion einbezieht und uns in die Lage versetzt, auch andere Informationen über die aktuelle Lage zu verarbeiten, als das die Kränkungsreaktion alleine vermag.

Die Mutter vermag sich in die Tochter hineinzuversetzen und erkennt auch ihre eigene ängstliche Getriebenheit; die Autofahrerin ärgert sich zwar über den Radfahrer, verliert aber nicht über der Rachsucht jegliches Maß. In ein methodisches System transponiert, ist dieser Plan B das Ergebnis einer Überlegung, die in der Mediation systematisiert wurde: der Suche nach gemeinsamen Interessen gegenüber dem Beharren auf Positionen.

Über meine Position, meine Sicht der Dinge kann ich endlos streiten und werde nur die überzeugen, die auf meiner Seite sind. Interessen hingegen – beispielsweise Geld und Zeit zu sparen – sind allen Menschen gemeinsam. Wenn es also gelingen würde, den Kampf zwischen zwei Positionen durch einen Austausch über Interessen zu ersetzen, kann aus dem Kampf, der am Ende zwei Verlierer produziert oder den Sieger mehr kostet, als die Niederlage des Gegners wert ist, jene Situation werden, die man im Business-Esperanto „Win-Win“ nennt.

Keine Partei fühlt sich als Verlierer; die ausgehandelte Vereinbarung sichert jeder Seite mehr, als sie vorher hatte. Die Beziehung kann deshalb auf einer anderen Ebene fortgesetzt werden. „Wenn ich das in meinen Seminaren den Studenten so vortrage, komme ich mir manchmal wie ein Scharlatan vor“, sagt Harald Pühl, ein Pionier der Mediation in Deutschland. „Die Anwesenden schauen bei den Worten “Win-Win” meist mehr als zweifelnd, sind doch die eigenen Konflikterfahrungen oft nach einem anderen Muster verlaufen.“

Pühl fasst die Grundregeln der Mediation so:

1. Zwischen Mensch und Problem unterscheiden. Konstruktive Konfliktbearbeitung bedeutet, eine Lösung für das Problem zu suchen, ohne die Person des Gegenübers anzugreifen.
2. Die verschiedenen Ebenen eines Konflikts beachten. Oft geht es in Konflikten um etwas ganz anderes – um lange zurückliegende Kränkungen oder Machtkämpfe. Wenn die verschiedenen Ebenen getrennt behandelt werden, ist es leichter, einen Konflikt zu klären.

2 Kommentare

  1. Roman Grafe sagt

    Danke, lieber Wolfgang Schmidbauer, für diesen Beitrag. Er hat mir zu Denken gegeben. Ich glaube, er wird im Nachklang etwas bewirken.
    Alles kommt zu dem, der Warten kann, heißt es. Das Gegenteil scheint – schön paradox – ebenso richtig: Alles kommt zu dem, der nichts mehr erwartet. Wir werden sehen. Herzliche Grüße, Roman Grafe

  2. Sehr geehrter Herr Schmidbauer,
    eine Ehrenrettung für Angst und Wut scheint mir nötig – nach dem Lesen Ihres Textes.
    .
    Die Mutter ist besorgt und will ihre Angst befrieden, daher handelt sie – ohne viel Wissen und mit wenig Bewusstsein für die Situation. Und sie treibt ihre Tochter mit ihrer Penetranz immer weiter von sich. Es muss aber nicht so typisch und destruktiv enden, wie Sie es beschreiben.
    Der Mutter-Tochter-Zwist könnte auch positiv fortschreiten, wenn die Mutter dieses zur Beruhigung fehlende Wissen bekäme, durch Kommunikation(mehr Vertrauen durch mehr Wissen). Diese Klärung gäbe es dann nur, weil die Mutter nicht abwartete, sondern aktiv (angstgetrieben) auf etwas hinwies. Dabei ist es egal, ob sie von falschen Annahmen ausging. Sie hat sich auf der Basis ihres inneren Bewusstseins-Wissens-Stands geäußert, und das ist dann gut so. Ihre „fehlerhafte“ Äußerung hat dann eine Klärung vorangebracht. Das passiert allerdings nur, wenn die Tochter das „Auseinandersetzungsangebot“ annimmt, wenn sie nicht kneifen darf, sondern derart dagegen hält, dass ein Austausch erhalten bleibt und nicht Stagnation oder Blockaden sich festigen.

    Blinde Wut,
    berechtigte Wut, ohnmächtige Wut, gezügelte Wut, rasende Wut, Amoklauf? Ich denke, man sollte nicht nur die Extrembeispiele zur Desavouierung(wie bei den Wutbürgern) herbeiziehen. Leider lese ich Ihren Text so. Sie schrieben eben ein Plädoyer und keine abwägende Betrachtung.
    Konflikte:
    Es geht doch nicht darum, Konflikte zu „mildern“. Konflikte sind gut. Sie sind nicht zu dämpfen. Sie sollten kompetent, auf zivile Weise ausgetragen werden. Das muss mensch lernen.
    Hier bemühen Sie leider sehr unkritisch die moderne, herrschende(!) „Win-win-Philosophie“ – mit all ihren ideologischen Argumenten. Deren Konfliktverständnis widerspricht m.E. fundamental einem demokratischen Spiel von Position und Opposition. Insofern ist die Einübung dieser Techniken häufig ein Rückschritt, weil auf diese Art keine Demokraten für eine offene Debatte erwachsen können. Die Anhänger dieser Schule in der Kommunikationsszene erscheinen mir sehr häufig als sehr empfindliche Friedensapostel, die das Streiten nie gelernt haben, sondern mit auswendig gelernten, immer gleichen Argumenten belehren und sich schützen wollen.

    Verstehen:
    Die Mutter kann sich in die Tochter hineinversetzen, wenn sie versteht? Ja, das stimmt, aber Verstehen ist m.E. ein Resultat, nicht eine Voraussetzung! Vorher muss eine wärmende „Reibung“ erfolgen, danach wird verstanden.
    Denn „wirklich verstehen“ entsteht doch nur durch Auseinandersetzung (erfordert offene Annäherung) mit dem Anderen(bisher Unverständlichen) nicht (bzw. nur partiell) durch Abstandnehmen. Herangehen ist zuerst gefragt, nicht selbst schützende Vorsicht. Herangehen heißt nicht überfahren oder zertrampeln.
    Wieso trennt die gewaltfreie Kommunikation so akribisch zwischen Position und Interesse (Den Unterschied zu Bedürfnissen kennt sie wohl schon gar nicht) wie auch zwischen Person und Problem? Ich denke, sie will nicht in die schmutzige Auseinandersetzung, ihr passt nicht die komplizierte, reale Verschmelzung dieser Aspekte.
    Jede Position ist begründet – durch Interesse, persönliches Bedürfnis, Zielsetzungen usw.. Natürlich werden diese behandelt, wenn man sich mit der Genese von Positionen befasst. Positionen sind Ergebnisse, gewachsene Standpunkte. Sie sind auch nicht fertig, sondern verändern sich. Wer sich – überlegen dünkend – nicht mit formulierten Positionen auseinandersetzen will, der nimmt sein Gegenüber nicht ernst.

    Empathieverlust:
    Ich denke der findet gerade deshalb statt, weil Menschen zu viel Abstand voneinander haben, weil sie sich nicht mehr einmischen(dürfen), sich kaum noch etwas zu eigen machen dürfen. Weil sie dauernd für sich kämpfen sollen, können sie nicht mehr wirklich mitfühlen und nur noch empört sein, wenn ihr Ego vermeintlich verletzt wurde. Für eine aktivierende Empörung (Hessel) fehlen klare, moralische Maßstäbe/Orientierungen. Die Mensch-Monaden sind für sich, niemand sonst nah (vielleicht noch gerade ihrer Sippe). Weil sie einfach leben und leben lassen und sich dann noch tolerant vorkommen. Das ist nicht in erster Linie subjektive Schuld sondern moderne, abgeschottete Lebensweise in Weltoffenheit.

    Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene herrscht eine unreflektierte, zerstörende Macher-Eingriffsmentalität (früher nannte man es „Fortschritt“, heute „Reform- und Innovationsdruck“), dort folge ich Ihrer Kritik. Auch den allgemeinen Ruf nach Entschleunigung und Besinnung kann ich gut teilen. Aber von diesen gesellschaftlichen Forderungen sollte man, glaube ich, die zwischenmenschliche Begegnung unterscheiden.
    Der Mut zum Eingreifen, zum Positionieren, der Mut zum Fehler(nächstes Lernfeld: um Entschuldigung bitten, Fehler eingestehen) ist – in heutiger Zeit – zwischenmenschlich mehr gefragt, als das Containment (zweiter Schritt), als die distanzierte Zurückhaltung, das weitere coole Abwarten, Zulassen und sichere Beobachten.
    Sie malen noch das Idealbild vom distanzierten Analytiker, der „hört, annimmt, umfasst ohne es durch Urteile oder Forderungen zu stören“
    (Ooh jeh, oh jeh, das macht mich wütend. Oder bin ich zornig? Egal, das muss jetzt raus!) Mit dieser Haltung ist der Therapeut hinter der Couch richtig, aber keinesfalls auf den öffentlichen Plätzen. Dann verwechselt er auf fatale Weise die Couch mit der politischen Arena.
    Ohne Urteilen und Forderungen sähe die Welt eher schlechter als besser aus – da bin ich mir sicher.
    Trotzdem, danke für Ihre Zeilen, die mich (auch) aufgeregt haben und dann eine Anregung wurden.
    Mit freundlichen Grüßen k-h albers

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