Auswahl, Kolumnen
Kommentare 2

Vom Segen des Wartens

Untersuchen wir den Hintergrund dieser Szene, entdecken wir eine Mutter, die verunsichert ist, weil sie fürchtet, dass ihre Kontrolle über das Leben ihrer Kinder schwindet und sie nicht mehr die wichtigste Person in deren Leben sein wird. Dieser Bedeutungsverlust weckt Ängste, die sich darauf beziehen, dass der erlebte Bedeutungsverlust zunehmen, sich vertiefen, schlimmer werden könnte, wenn man nicht handelt, sondern wartet. Dagegen will die Mutter etwas unternehmen – und zwar gleich, bevor die Situation schlechter wird. Lieber will sie selbst tätig sein, als zu erleiden, was an Neuem auf sie zukommt. Sie beginnt wie der Hai unablässig zu schwimmen, sich gegen etwas zu stellen, dessen Verlauf sie nicht absehen kann. Sie erlebt sich selbst als stets bemüht, immer auf dem Sprung, um dem Kind zu helfen.

Das heranwachsende Mädchen aber ist zu sehr mit den Beziehungen zu seinen Freundinnen beschäftigt, um sich in die Mutter einzufühlen. Es findet nicht, dass die Mutter ihm etwas Gutes tut. Es hat – zu Recht, zu Unrecht – die Phantasie, dass die Mutter Aufmerksamkeit für ihre mütterliche Haltung fordert und die keimende eigene Orientierung in einer Beziehungswelt ersticken könnte. Für die Tochter geht es darum, sich gegenüber Kameradinnen und Lehrern zu positionieren, deren Verhalten einzuschätzen, sich zu überlegen, ob und wie sich Beziehungen gestalten lassen. Sie wartet auf eine Veränderung, die sie als produktiv erlebt. Die Mutter erscheint ihr dagegen als jemand, der ihr die Luft zum Atmen nimmt, der mit seiner Aktivität alles verhindert, was wachsen will.

Was hat der Maler davon, wenn ihm jemand über die Schulter schaut und ihn fragt, was er da macht? Picasso hat gegen solche Zudringlichkeit die Plakette aus dem Bus zitiert: „Es ist verboten, während der Fahrt mit dem Chauffeur zu sprechen!“

Die Spirale der Angst als Triebfeder der Beschleunigung

Wer sich über den Rastlosen beklagt und sein Verhalten unerträglich findet, steigert dessen Unsicherheit – und fatalerweise damit auch sein Bemühen, diese Unsicherheit auszugleichen. Das Hai-Syndrom lässt ihn noch schneller agieren, um die Situation zu verbessern. Mutter und Tochter aus dem obigen Beispiel werden immer öfter streiten, womit sich die Mutter bestätigt fühlt, mehr tun zu müssen, um die Situation „zu retten“. Die Tochter wird sich bestätigt fühlen, dass die Mutter ihr nichts zutraut, ihr keine Räume zur Gestaltung gibt, sich zu viel einmischt. Der Versuch, aus eigener Täigkeit alles zu retten und zu verbessern überfordert letztlich beide Seiten.

Doch ist es dem Menschen nicht abzugewöhnen, seine eigene Tätigkeit über alles zu stellen. Der Raum, in dem wir uns geistig bewegen und den wir nach Gefahren absuchen, ist in der Wissensgesellschaft gewachsen. Er ist nicht mehr überschaubar. Wir werden, je kritischer wir ihn prüfen, umso sicherer sein, dass wir unser und der Situation niemals sicher sein können, dass uns gewiss etwas entgangen ist. Es gibt große Organisationen und viele Experten, welche uns Sicherheit oder Vorsorge anbieten. Sie machen uns auf Gefahren aufmerksam, an die wir sonst gar nicht denken würden: Was passiert, wenn ein Reh vor den Kühler springt? Wenn die Badewanne überläuft und einen Millionenschaden anrichtet? Um diese abzuwehren, fordern sie Opfer an Zeit und Geld. Auch im Körperinneren genügt es nicht mehr hinzuspüren, ob Atem und Verdauung ihren Dienst tun; wir müssen uns untersuchen lassen, um rechtzeitig Gefahren zu finden, von denen wir noch gar nichts wissen.

Als pdf herunterladen Download PDF

2 Kommentare

  1. Roman Grafe sagt

    Danke, lieber Wolfgang Schmidbauer, für diesen Beitrag. Er hat mir zu Denken gegeben. Ich glaube, er wird im Nachklang etwas bewirken.
    Alles kommt zu dem, der Warten kann, heißt es. Das Gegenteil scheint – schön paradox – ebenso richtig: Alles kommt zu dem, der nichts mehr erwartet. Wir werden sehen. Herzliche Grüße, Roman Grafe

  2. Sehr geehrter Herr Schmidbauer,
    eine Ehrenrettung für Angst und Wut scheint mir nötig – nach dem Lesen Ihres Textes.
    .
    Die Mutter ist besorgt und will ihre Angst befrieden, daher handelt sie – ohne viel Wissen und mit wenig Bewusstsein für die Situation. Und sie treibt ihre Tochter mit ihrer Penetranz immer weiter von sich. Es muss aber nicht so typisch und destruktiv enden, wie Sie es beschreiben.
    Der Mutter-Tochter-Zwist könnte auch positiv fortschreiten, wenn die Mutter dieses zur Beruhigung fehlende Wissen bekäme, durch Kommunikation(mehr Vertrauen durch mehr Wissen). Diese Klärung gäbe es dann nur, weil die Mutter nicht abwartete, sondern aktiv (angstgetrieben) auf etwas hinwies. Dabei ist es egal, ob sie von falschen Annahmen ausging. Sie hat sich auf der Basis ihres inneren Bewusstseins-Wissens-Stands geäußert, und das ist dann gut so. Ihre „fehlerhafte“ Äußerung hat dann eine Klärung vorangebracht. Das passiert allerdings nur, wenn die Tochter das „Auseinandersetzungsangebot“ annimmt, wenn sie nicht kneifen darf, sondern derart dagegen hält, dass ein Austausch erhalten bleibt und nicht Stagnation oder Blockaden sich festigen.

    Blinde Wut,
    berechtigte Wut, ohnmächtige Wut, gezügelte Wut, rasende Wut, Amoklauf? Ich denke, man sollte nicht nur die Extrembeispiele zur Desavouierung(wie bei den Wutbürgern) herbeiziehen. Leider lese ich Ihren Text so. Sie schrieben eben ein Plädoyer und keine abwägende Betrachtung.
    Konflikte:
    Es geht doch nicht darum, Konflikte zu „mildern“. Konflikte sind gut. Sie sind nicht zu dämpfen. Sie sollten kompetent, auf zivile Weise ausgetragen werden. Das muss mensch lernen.
    Hier bemühen Sie leider sehr unkritisch die moderne, herrschende(!) „Win-win-Philosophie“ – mit all ihren ideologischen Argumenten. Deren Konfliktverständnis widerspricht m.E. fundamental einem demokratischen Spiel von Position und Opposition. Insofern ist die Einübung dieser Techniken häufig ein Rückschritt, weil auf diese Art keine Demokraten für eine offene Debatte erwachsen können. Die Anhänger dieser Schule in der Kommunikationsszene erscheinen mir sehr häufig als sehr empfindliche Friedensapostel, die das Streiten nie gelernt haben, sondern mit auswendig gelernten, immer gleichen Argumenten belehren und sich schützen wollen.

    Verstehen:
    Die Mutter kann sich in die Tochter hineinversetzen, wenn sie versteht? Ja, das stimmt, aber Verstehen ist m.E. ein Resultat, nicht eine Voraussetzung! Vorher muss eine wärmende „Reibung“ erfolgen, danach wird verstanden.
    Denn „wirklich verstehen“ entsteht doch nur durch Auseinandersetzung (erfordert offene Annäherung) mit dem Anderen(bisher Unverständlichen) nicht (bzw. nur partiell) durch Abstandnehmen. Herangehen ist zuerst gefragt, nicht selbst schützende Vorsicht. Herangehen heißt nicht überfahren oder zertrampeln.
    Wieso trennt die gewaltfreie Kommunikation so akribisch zwischen Position und Interesse (Den Unterschied zu Bedürfnissen kennt sie wohl schon gar nicht) wie auch zwischen Person und Problem? Ich denke, sie will nicht in die schmutzige Auseinandersetzung, ihr passt nicht die komplizierte, reale Verschmelzung dieser Aspekte.
    Jede Position ist begründet – durch Interesse, persönliches Bedürfnis, Zielsetzungen usw.. Natürlich werden diese behandelt, wenn man sich mit der Genese von Positionen befasst. Positionen sind Ergebnisse, gewachsene Standpunkte. Sie sind auch nicht fertig, sondern verändern sich. Wer sich – überlegen dünkend – nicht mit formulierten Positionen auseinandersetzen will, der nimmt sein Gegenüber nicht ernst.

    Empathieverlust:
    Ich denke der findet gerade deshalb statt, weil Menschen zu viel Abstand voneinander haben, weil sie sich nicht mehr einmischen(dürfen), sich kaum noch etwas zu eigen machen dürfen. Weil sie dauernd für sich kämpfen sollen, können sie nicht mehr wirklich mitfühlen und nur noch empört sein, wenn ihr Ego vermeintlich verletzt wurde. Für eine aktivierende Empörung (Hessel) fehlen klare, moralische Maßstäbe/Orientierungen. Die Mensch-Monaden sind für sich, niemand sonst nah (vielleicht noch gerade ihrer Sippe). Weil sie einfach leben und leben lassen und sich dann noch tolerant vorkommen. Das ist nicht in erster Linie subjektive Schuld sondern moderne, abgeschottete Lebensweise in Weltoffenheit.

    Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene herrscht eine unreflektierte, zerstörende Macher-Eingriffsmentalität (früher nannte man es „Fortschritt“, heute „Reform- und Innovationsdruck“), dort folge ich Ihrer Kritik. Auch den allgemeinen Ruf nach Entschleunigung und Besinnung kann ich gut teilen. Aber von diesen gesellschaftlichen Forderungen sollte man, glaube ich, die zwischenmenschliche Begegnung unterscheiden.
    Der Mut zum Eingreifen, zum Positionieren, der Mut zum Fehler(nächstes Lernfeld: um Entschuldigung bitten, Fehler eingestehen) ist – in heutiger Zeit – zwischenmenschlich mehr gefragt, als das Containment (zweiter Schritt), als die distanzierte Zurückhaltung, das weitere coole Abwarten, Zulassen und sichere Beobachten.
    Sie malen noch das Idealbild vom distanzierten Analytiker, der „hört, annimmt, umfasst ohne es durch Urteile oder Forderungen zu stören“
    (Ooh jeh, oh jeh, das macht mich wütend. Oder bin ich zornig? Egal, das muss jetzt raus!) Mit dieser Haltung ist der Therapeut hinter der Couch richtig, aber keinesfalls auf den öffentlichen Plätzen. Dann verwechselt er auf fatale Weise die Couch mit der politischen Arena.
    Ohne Urteilen und Forderungen sähe die Welt eher schlechter als besser aus – da bin ich mir sicher.
    Trotzdem, danke für Ihre Zeilen, die mich (auch) aufgeregt haben und dann eine Anregung wurden.
    Mit freundlichen Grüßen k-h albers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.