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Massenmord als narzisstische Geste des 21. Jahrhunderts

Eine wirksame Prophylaxe wird der Öffentlichkeit viel abverlangen – unter anderem den Verzicht auf eine Berichterstattung, welche die Täter glorifiziert

Zu den traumatisierten Personen am Rand solcher Ereignisse zählen die Ärzte, denen die Täter früher einmal vorgestellt wurden, vor allem aber die Familienangehörigen und Freunde. An der Schweigepflicht läge es gar nicht. Die ist aufgehoben, wenn Menschenleben gefährdet sind. Aber Therapeuten müssen mit den Schuldgefühlen kämpfen, dass es ihnen nicht gelungen ist, eine wirklich hilfreiche Beziehung aufzubauen, den Verstörten nahe genug zu kommen. Es fehlt an Krankheitseinsicht und an Reflexionsmöglichkeiten. Wer alt genug ist, adoleszente Kinder zu haben, wird sich vor dem billigen Vorwurf hüten, eine Mutter, ein Vater müssten doch wissen, was sich da zusammenbraut. Es sind eben keine Kinder mehr, sondern junge Erwachsene auf ihrem eigenen Weg, den sie auch in weniger dramatischen Fällen mit stummer Verweigerung vor wohlmeinenden Nachfragen schützen.
Das immense Interesse der Medien für Tat und Täter macht die Sache besonders unheimlich. Aufmerksamkeit in dieser exzessiven Form wirkt auf die entsprechenden narzisstischen Störungen wie ein Magnet. In der Konsumgesellschaft sind Medienpräsenz und öffentliche Aufmerksamkeit ein Gut schlechthin, eine hoch begehrte Möglichkeit, etwas Besonderes zu sein und so dem Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit und Bedeutungslosigkeit zu entrinnen. Die Massenmedien sind hier in einer bisher noch kaum bewussten und diskutierten Zwickmühle.
Dramatische Berichte über (Selbst)Morde treiben die Zahl der Nachfolgetaten in die Höhe. Seit die Selbstmordrate in den USA und England nach dem Suizid von Marilyn Monroe signifikant anstieg, ist dieses Phänomen bekannt. Über Schüler-Selbstmorde berichtet selbst die Bildzeitung nicht mehr mit Schlagzeilen. Die Gefahr der tödlichen Imitation beim spektakulären Suizid ist inzwischen Allgemeingut im Nachrichtenjournalismus. Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Nachahmungsbereitschaft bei Amoktätern geringer ist als bei den jugendlichen Selbstmördern, die von einer Brücke oder einem Hochhaus springen. Mit dieser Form der Ruhmsucht zu rechnen und sich auf Gegenmaßnahmen zu einigen, davon sind die Medien gegenwärtig noch sehr weit entfernt.

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