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Die Justiz schweigt

„Der Täter ist Sportschütze.“ Massenmord als narzisstische Geste des 21. Jahrhunderts

In den modernen Taten hat sich die Kränkungswut, die Heine durch seinen überraschenden Kontrast von Bescheidenheit und Mordlust ausfaltet, zu einem Knäuel verdichtet. Massenmörder ist eine Karriere geworden. Die meisten Täter schaffen sich durch die Tat aus der physischen Welt, hoffen aber auf unsterblichen Ruhm oder göttliche Belohnung. Wenige, wie der Norweger Breivik, stellen sich dem sozialen als lebenslänglich verurteilter Mörder. Diese Formen des Massenmords sind wie eine Seuche. Sie breitet sich aus. Wenn wir eine Kurve der Zahlen von Tätern und Opfern zeichnen könnten, sie würde steil ansteigen. Viele dieser Taten werden inzwischen kaum mehr erfasst; in Afghanistan, in Nigeria, in Pakistan und im Irak sind sie zu einem „normalen“ Mittel der blutigen Auseinandersetzung geworden.

Wo die Suche nach den Wurzeln der Tat etwas tiefer graben kann, entdeckt sie den Zusammenprall von Selbstgefühlskrisen mit dem als erlösend und ruhmreich imaginierten Endpunkt des Massenmordes. Psychologisch gesehen, geht es um die manische Abwehr einer drohenden Depression durch Rache an möglichst vielen, die sich nicht so mit der Realität quälen wie die Täter. Ein anders nicht stillbarer narzisstischer Hunger straft nicht nur das eigene Ich, sondern auch alle, welche die eigene Not nicht spüren. Die Täter schmieden den rachsüchtigen Gott aus ihrer eigenen Wut und opfern sich ihm in einem letzten Akt, in dem alle schuldig sind, die ihren Fanatismus nicht teilen.

Um auf diese Weise morden zu können, müssen die Täter erst einmal eine Waffe beherrschen. Hier kommt die enorme Anziehungskraft ins Spiel, welche die Ware „Schusswaffe“ ausübt. Wer Krimis liest oder Kampfspiele am Computer klickt, weiß Bescheid über Colt, Smith & Wesson, Beretta oder Heckler & Koch. Wer sie in der Hand hält, ist Herr über Leben und Tod. Diese Verführung zu beherrschen, gelingt den meisten Männern und Frauen. Aber eben nicht allen. Mehr als an allen anderen Orten der Gesellschaft sind die jungen, manchmal verrückten, manchmal verhetzten Massenmörder, die den Tod ebenso bereiten wie suchen, ein Zeichen für die Macht der Dinge über die Menschen. Sie sind ein Gespenst, welches die Eingeborenen einer Knopfdruck-Welt verfolgt, in der Bilder und nach den Bildern auch Menschen weggezappt werden.

Unsere Erfindungskraft hat Dinge gezeugt, welche seelische Reife blockieren und ganze Generationen verführbar machen für den schnellsten Weg aus allen Ängsten. Wer mit Hilfe von Dynamit der Eisenbahn den Weg frei sprengt und mit Hilfe von elektronischen Geräten Egoshooter-Spiele ins Kinderzimmer zaubert, denkt zuerst nicht an die Schattenseiten seiner Erfindungen. Aber inzwischen wird immer deutlicher, dass der Massenmord eine bedeutungsvolle Geste von Menschen ist, die keine andere Perspektive sehen als durch ihre Tat zu sagen: Eure Welt ängstigt mich, sie ist ohne Zukunft für mich, ich finde keinen Platz in ihr. Das macht mich so wütend, dass ich möglichst viel kaputt machen will, ehe ich selbst draufgehe. Ob es die Selbstinszenierung als Kreuzritter ist, wie in Norwegen, die des Märtyrers im islamischen Staat, es geht psychologisch darum, die komplexen Aufgaben von Einfühlung und Bildung, von Kunst und Wissenschaft zu ignorieren, aber sich die Gaben der Technik anzueignen zu verhängnisvollem Gebrauch.

Sprengstoffe und automatische Waffen machen soziale Disziplin rückgängig. Sie wecken die Illusion einer aggressiven Allmacht. Der Mensch ist so wenig wie zum klugen Konsum von Kokain oder Opium auf Möglichkeiten gerüstet, mit einem Druck auf einen Auslöser über Leben und Tod zu herrschen.

Es gibt keine einfache Kur dieser Seuche. Der Glaube an schnelle Lösungen ist ja gerade der Kern des Problems. Bessere Ausbildung, Schutz vor Verletzungen des Selbstgefühls von Kindern, Eröffnung wirtschaftlicher Perspektiven, alles hilft ein wenig, aber sicher nicht genug. Automatische Waffen und Sprengstoffe gehören allein in die Hand der Polizei. Alle Waffen müssen elektronisch so gesichert sein, dass sie sofort unbrauchbar werden, wenn sie jemand anderer als der rechtmäßige Nutzer in die Hand nimmt. Mordwaffen, die jeder „Sportschütze“ (wie Breivik in Norwegen oder die Schülermörder von Erfurt und Winnenden) kaufen und dann in seinem privaten Kalifat einsetzen kann, sind ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen mehr gibt, seit die große suizidale Geste in der Welt ist. Sie machen kein Land sicherer, im Gegenteil. Sicher macht es nur der radikale Verzicht auf die Werkzeuge für den Machtrausch, den der Massenmord auf Knopfdruck dem Täter verspricht.

Erschienen im Juni 2015 in „neues Deutschland“

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