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Arme Kinder

(und sensationslüsterne Erwachsene)

In den angeprangerten Äußerungen von Cohn-Bendit kann ich nicht mehr sehen als ein ungeschickt überspitztes, für den heutigen Leser in Bezug auf sexuellen Missbrauch ignorant wirkendes Plädoyer für den einfühlenden Umgang mit der kindlichen Sexualität. Es ist heute ein Konsens unter Entwicklungspsychologen und Psychotherapeuten, dass Kinder vor dem sexuellen Übergriff eines Erwachsenen ebenso beschützt werden müssen wie vor dem sexualfeindlichen, der sich beispielsweise gegen die kindliche Selbstbefriedigung richtet. Allerdings interessiert die Medien (und den Staatsanwalt) die sexuelle Attacke auf ein Kind ungleich mehr als die Prügel, die es für Doktorspiele einstecken muss, oder aber die ebenso unsichtbare wie verbreitete Gleichgültigkeit und Vernachlässigung, die täglich viele tausende von Kindern betrifft.

Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist abscheulich und sensationell. Er wird zu Recht angeprangert, es gibt politische Reaktionen bis hin zum Missbrauchsbeauftragten. Einen Vernachlässigungsbeauftragten gibt es nicht. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, jedes fünfte Kind scheitert an einfachen Mathe- und Deutschaufgaben. Das ist, wie Felix Berth in seinem nachdenklichen Buch „Die Verschwendung der Kindheit“ sagt, nicht nur beschämend, sondern auch ökonomisch dumm. Wir dürfen nicht aufhören, Kinder von sexuellem Missbrauch zu schützen. Aber wir sollten auch darauf achten, dass in dem geräuschvollen Umgang mit dem einen Verbrechen nicht das umfassendere Verbrechen der Vernachlässigung, der Gleichgültigkeit, der emotionalen und geistigen Verarmung von Kindern untergeht.

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3 Kommentare

  1. Anne sagt

    Ja, das finde ich sehr interessant. Die von Ihnen gesehene Sexualisierung ist, vermute ich, in erster Linie ein Problem der Männer, die direkt beeinflusst werden; mich als Frau tangiert sie in zweiter Linie in Form von Sexismus und männlichem Frauenbild.

    Das „männliche“ Problem wird naturgemäß von Frauen, das „weibliche“ von Männern zu wenig erkannt.

    Ich möchte davor warnen, die Zitate von Cohn-Bendit zu verharmlosen. Verharmlost werden gesellschaftlich generell Taten von (narzisstischen?) Soziopathen, die äußerlich originell und wenig durchschnittlich-langweilig wirken, obwohl sie (äußerlich) sehr angepasst sind. Ich sehe in Cohn-Bendit keinen Soziopathen, aber auch keinen Beweis seiner „Unschuld“.

    Außerdem liegt mir am Herzen, zu schreiben, dass ich nicht sehe, dass die typischen Bösewichte bestraft, die Opfer gerettet werden. Oft werden die Opfer für die Tat als mitverantwortlich angesehen und die Täter kommen ungestraft davon- was vor allem in den Bereichen Häusliche Gewalt und Sexueller Missbrauch erkennbar ist: im privaten Bereich, in den die Medien keinen Einblick haben; in dem Alltag stattfindet.

  2. Ja in der Tat, die gesellschaftliche Haltung zum Schutz Minderjähriger vor Ausbeutung wirkt mitunter reichlich bigott. Wie kommt es sonst, dass sich kaum jemand über deutlich minderjährige Models wundert, die uns spärlich bekleidet aus Münchner Bushaltestellen anschmachten. Uns zum Konsum anstacheln sollen.

    Anscheinend funktioniert das, sonst würde es so nicht praktiziert werden: die zur Schau gestellten Körper Minderjähriger verleiten Erwachsene zum Geldausgeben.

    Was macht das eigentlich mit den Schönheitsidealen und sexuellen Normen der Käufer, dieser Gesellschaft? Ob sich in 40 Jahren die Gemüter über diesen oder ähnliche, bislang nicht öffentliche Skandale ebenso erhitzen werden, wie zur Zeit über die Entgleisungen der 68-er? Das bliebe wohl zu hoffen.

  3. Heiner sagt

    Sexueller Mißbrauch bleibt für Niemanden ohne Konsequenzen. Die Menschen sind danach nicht mehr dieselben. Es ist wie die „Ursünde“, die mit der Erkenntis der Verderbtheit der Welt einherging, für das sich das Opfer auch noch schuldig fühlt. Als Arzt habe ich viele Schicksale erfahren und bin überzeugt, dass es zu einem lang anhaltenden „gestörten“ Verhalten kommt, das nur mit viel Arbeit und Mühe erkannt und praktisch nie spurlos verarbeitet werden kann, je nachdem natürlich in welchem Alter und wie schwer der Mißbrauch war, in unterschiedlichem Ausmaß.

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