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Die Illusionen über das Gegenüber und die virtuelle Welt

Die 38jährige Christine U. ist eine sehr attraktive Frau, zurückhaltend, sehr intelligent. Sie arbeitet in der Stabsabteilung einer Investmentbank und wird von ihren Vorgesetzten geschätzt. Sie ist im Büro engagiert, umsichtig und genau, erledigt ihre Aufgaben schnell und zuverlässig. Man kann sich absolut auf sie verlassen. Einmal bot ihr der Abteilungsleiter beim Personalgespräch einen Aufstieg an. Christine konnte sich das nicht vorstellen und zog sich freundlich zurück: sie will bleiben, wo sie sich auskennt, sie traut sich eine Führungsaufgabe nicht zu. „Manchmal habe ich den Verdacht, dass Sie mehr leisten als ihr Gruppenleiter„, sagt der Vorgesetzte. „Das mag sein„, sagt Christine lächelnd. „Aber das ist etwas ganz anderes. Ich könnte das nicht. Ich will nicht so im Vordergrund stehen!„ Keiner der Kollegen weiß von ihrem Privatleben; keiner ahnt, dass sie seit zwanzig Jahren allein lebt und allen sexuellen Erfahrungen aus dem Weg geht, seit sie sich von ihrem ersten und bisher einzigen Freund getrennt hat, weil er sie betrog. Christines sorgsam gehütetes Geheimnis sind Phantasien von erotischen Beziehungen, in denen sie sich ein gemeinsames Leben ausmalt. Gegenstand dieser Phantasien sind meist Vorgesetzte, manchmal auch Kollegen, oft auch Männer, die sie nur flüchtig kennt.

Christine verbringt viele Stunden damit, sich ihre Liebe auszumalen, gemeinsame Wohnungen einzurichten, Reisen zu planen, Kinder zu erziehen, Freunde einzuladen. Sie lebt in einem unscheinbaren Apartment mit Möbeln, die ihre Eltern nicht mehr brauchen konnten. Sie kann keinen Besuch empfangen, weil sie keinen Esstisch hat und überall Bücher und Fachzeitschriften liegen. Ausgangspunkt der Phantasie ist, wie der Mann ihr seine Liebe gesteht. Er sagt, dass er sie erwählt hat. Er wendet sich ihr ganz aus freien Stücken zu, sie hat ihn nicht ermutigt, ihm kein Bedürfnis gezeigt, denn das findet Christine extrem beschämend – so sehr, dass sie sich beispielsweise niemals allein in ein Restaurant setzt. Sie ist überzeugt, dass dann jeder Beobachter denkt, sie sei auf Männerfang aus. Das findet sie unerträglich.

Der Mann muss den Wall ihrer zur Schau getragenen Neutralität durchdringen. Alles andere ist wertlos: kein Mann will eine Frau, die so billig zu haben ist, dass sie sich alleine an einen Tisch setzt. Christine sieht im Gespräch durchaus ein, dass ihre Haltung besser in vergangene Jahrhunderte passt als in die Gegenwart. Aber ihre Angst ist stärker. Sie will sich nicht anbieten, sie will auch keinen Mann, der auf ein derart billiges Angebot eingeht. Sie will wertvoll sein, geliebt werden – aber da sich alles in ihrer Phantasie abspielt, heißt das wohl auch, dass sie es nicht wert ist, dass sie nicht schön, nicht blond, nicht charmant genug ist, eben eine brave Brünette, ein Arbeitstier, das niemand interessant findet. Lange Zeit hat Christine ihre Phantasiebeziehungen wie Generalproben eingeschätzt, welche sie auf Ehe und Familie vorbereiten. Sie wünscht sich schließlich Kinder, sie will nicht einsam alt werden, es ist doch grässlich, eine vertrocknete alte Jungfer zu sein. Christine erlebt die Phantasien zunehmend als Sucht und entschließt sich zu einer Therapie. Es wird ihr deutlich, dass sie besonders intensiv sind, wenn sie sich schlecht fühlt, wenn sie der Arbeit nichts abgewinnen kann oder schon allzu lange außer Arbeit und Haushalt praktisch nichts unternommen hat.

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