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Die Schnellen fressen die Langsamen

Schon seit langer Zeit interessiert mich, was in Organisationen geschieht; ich konnte die Zurückhaltung von Therapeuten nie gutheissen, die nach einem halben Jahr Behandlung immer noch nicht wissen, ob der Beamten-Patient, mit dem sie zu tun haben, nun im höheren oder im gehobenen Dienst arbeitet und was um Himmels willen das eine vom anderen unterscheidet. (Der höhere Dienst erfordert den Akademiker; der gehobene nicht. Einen niederen Dienst gibt es selbstverständlich nirgends…)
Daher verfolge ich aufmerksam, wie es sich für die Mitarbeiter eines Krankenhauses anfühlt, wenn der Träger beschliesst, ihre soziale Heimat umzukrempeln. Fusionen, Ausgliederungen (outsourcing haben vielleicht die Lesern schon öfter gehört) Verwandlungen in gewinnorientierte oder gemeinnütziger Gesellschaften sind an der Tagesordnung.
Wenn irgendwo eine Stadtverwaltung, ein Landratsamt, ein frommer Orden seine Führungsaufgaben (zu denen doch auch die Kostenkontrolle und der Wirtschaftsplan gehören) verschnarcht hat, werden die Versager nicht identifiziert. Das würde ein schlechtes Licht nach oben werfen, auf Landräte, Bürgermeister oder Generaloberinnen. Nein, es wird beschlossen, alles zu verändern, umzugründen, auszusourcen. Im Zug eines solchen Veränderungsprozesses an einem städtischen Klinikum fiel der Satz, der oben steht.
Eine engagierte und erfahrene Abteilungsleiterin hat den neuen, dynamischen Geschäftsführer – einen Betriebswirt, was sonst! – damit konfrontiert, dass die Motivation im Haus noch nie so schlecht gewesen sei wie nach den hektischen Umgliederungen der letzten Monate. Er könne doch nicht mit bestens bewährten Mitarbeitern in dieser Weise umgehen!
Darauf er: „Bei uns fressen nicht die Guten die Schlechten, sondern die Schnellen die Langsamen!“
Normalerweise wird der Satz anders zitiert: „Bei uns fressen nicht die Grossen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen!“ In letzter Zeit taucht er laut google vor allem im Zusammenhang mit Fähigkeiten des Mittelstandes auf, sich schneller an wechselnde Umstände anzupassen als grosse Konzerne.
An dem Satz beschäftigt mich ein Gefühl, für das er steht. Es ist die Angst. Wenn etwas, das mich fressen könnte, nur gross ist, hält sich die Angst in Grenzen. Ich kann ausweichen, solange ich schneller bin. Wenn es aber auch schnell ist, schneller als ich, dann muss ich mich wirklich fürchten, es gibt kein Entkommen. Es gibt keine Sicherheit mehr.
Organisationen gewinnen für unser Gefühlsleben in der Regel die Funktion einer Mutter, genauer: eines Ur-Objekts oder einer primären Umgebung, der wir ausgeliefert sind, die mächtiger ist und uns wehrlos macht. Das mag übertrieben klingen, aber es trifft die tiefere Schicht der ausgelösten Affekte, wenn jemand gekündigt oder gemobbt wird, wenn er – wie jüngst angesichts der Schliessung des Nokia-Werkes in Bochum – einen bisher für sicher gehaltenen Arbeitsplatz verliert.

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