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Eine neue Unfähigkeit zu trauern?

Die Deutschen scheinen sich besonders schwer zu tun im würdevollen Umgang mit den Opfern terroristischer Anschläge

Nach dem Grundgesetz sind Behörden verpflichtet, politisch Verfolgten Asyl zu gewähren. Seither gibt es wirkliche Opfer – die Schutzsuchenden – und angemaßte Opfer in politischen Gruppen, die sich „islamisiert“ und/oder von Politikern verraten fühlen, die ihre Pflicht gegenüber der Verfassung erfüllen.

Wenn die wahrhaft bemitleidenswerten Opfer – die Angehörigen der Toten, die traumatisierten Verletzten – eines Anschlags so schnell vergessen werden und sich die Öffentlichkeit auf Sicherheitsfragen, ja gar auf eine verräterisch einfühlungslose und latent grausame Selbststilisierung als „eigentliche Opfer“ einer „falschen Politik“ konzentriert, spricht das dafür, dass die latenten Folgen der Katastrophe von 1933, die erst 1945 als Katastrophe realisiert wurde, bis heute mehr an unserem politischen Denken und vor allem Fühlen prägen, als es uns lieb sein kann.

Als ich 1964 zum ersten Mal in Paris war, wunderte ich mich sehr über die Erinnerungskultur des Nachbarlandes. Es schien mir geradezu falsch, ein Schlag ins Gesicht meines logischen Denkens, dass die Grande Nation in Versailles den König feierte und in den Gedenkstätten der Revolution ebenso die Männer, die den König geköpft hatten. Sie mussten sich doch entscheiden, wer das Recht hatte, gewürdigt zu werden! Heute sehe ich in dieser Reaktion des 23jährigen meine deutsche Sozialisation in der Nachkriegszeit, in der es in der Tat klar war, dass die eigene Geschichte solche Widersprüche nicht ertrug.

Vergleichen wir die deutsche Kultur des Gedenkens mit unseren Nachbarn, fällt sogleich auf, dass es dort weniger befangen zugeht. Wer in Italien den Abstecher nicht scheut, kann in Predappio am Fuß des Apennin den Geburtsort von Mussolini besuchen. Das Geburtshaus ist ein Museum; ein paar Kilometer weiter findet sich das Mausoleum der Familie des Duce, Wände und Decken sind geschmückt mit Bronzeplaketten treuer Anhänger, die ihn bis in die jüngste Gegenwart feiern.

Ich werde verlegen angesichts der Frage, ob das besser oder schlechter ist als unsere Gedenkkultur. Aber auf jeden Fall gibt diese Haltung emotionalen Widersprüchen mehr Platz. In einer von Rechthaberei geprägten Kultur haben Emotionen keinen Raum, es gibt nur richtig oder falsch. Dann weckt ein tragisches Ereignis nicht mehr in erster Linie Ehrfurcht, Trauer und Empathie für die Opfer. Es weckt die hektische Suche nach einem Fehler, nach einem Schuldigen. Wenn wir den Schuldigen finden, ihn bestrafen, ihn energisch genug aus dem Spiel nehmen – „einsperren, und zwar für immer!“ – festigt das den Aberglauben, wir könnten Tragödien künftig vermeiden. Über dieser Hektik werden die Angehörigen der Toten und die Verletzten zu wenig wahrgenommen und unterstützt. Es ist ein Missstand, dass nach einem Verbrechen so viele den Täter interessanter finden als das Opfer. Er bekommt Aufmerksamkeit, seine Motive werden diskutiert, seine Eltern und Schulfreunde befragt.

Um die Opfer trauern die nächsten Angehörigen, eine auch nur annähernd vergleichbare öffentliche Aufmerksamkeit wird ihnen nicht zu Teil. In die Trauer um einen Verlust, ein schmerzliches, nicht wieder gut zu machendes Geschehen hineinzufinden, kostet Zeit und fordert den Mut, sich eigener Machtlosigkeit zu stellen.

Manchmal wird eine Emotionalisierung in Politik und Wirtschaft getadelt, die sich beispielsweise in der großen Zahl von Wechselwählern oder im ökonomisch nicht verständlichen Auf und Ab von Währungen und Aktienkursen ausdrücke. Aber in allem Denken, auch im gründlichen und entsprechend langsamen, spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Es geht bei hastigen Aktionen um die Bewältigung der schnellen Affekte von Angst und Wut. Ihnen entsprechen plakative Aussagen über Richtig und Falsch, über die sichere Zuflucht, welche ein für alle Mal von dem Übel befreit, über den bösen Feind, den es aus dem Feld zu schlagen gilt.

Politiker und Bürger sind in einen Teufelskreis geraten. Je mehr die Politiker durch Hyperaktivität und Medienrummel um Aufmerksamkeit kämpfen, desto weniger interessieren sich die Bürger noch für ihre als winzig und bedeutungslos erlebten Möglichkeiten an demokratischer Teilhabe. Die Aufmerksamkeit für die Opfer wäre ein gutes Modell, um hier anders zu denken und zu fühlen. Ihre Verletzungen heilen langsam und oft unvollkommen, und nicht anders verhält es sich mit der Bewahrung der Welt, in der wir leben.

(Dieser Artikel erschien am 8. Januar 2017 in der Welt am Sonntag)

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1 Kommentare

  1. Hexnhaisl sagt

    Da kommt die „Sache“ mit der Würde, dem Ehren und Achten ins „Spiel“. Die in dieser (Konsum)Gesellschaft irgendwie komplett verloren gegangen zu scheint.

    Außerdem dieses für alles eine Einklärung „haben müssen“, intellektuell erfassen/begreifen/verarbeiten „müssen“. Ziemlich irre was in dieser Nation vorgeht, wie sie mit Geschehnissen = „Dingen die geschehen“, was außerhalb der Kontrolle – des Einzelnen, der Mehrheit, der Gesellschaft – schon gar der rationalen liegt, umgeht, versucht dem „Herr zu werden“.

    Ja, ist ein seltsames Land geworden, in seiner „Kultur“, in seiner Art zu „sein“. Auf der einen Seite viel Lärm um nichts, und auf der anderen emotional komplett amputiert.

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