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Befreiung aus der Ohnmacht

Was veranlasst Menschen dazu, anderen Menschen bedingungslos zu helfen?

Als ich fünf Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir nach Syrien gefahren. Dort lebte meine Großmutter. Es gab die Brücke über den Bosporus noch nicht; wir setzten mit der Fähre über. Ich lag meist auf dem Rücksitz und habe mir immer dieselbe Musikkassette gewünscht. In Aleppo trafen wir auf die Verwandten. Es war eine Großfamilie, es gab Dienstboten, entfernte Verwandte, viele Kinder und meine Großmutter. Mir war alles sehr fremd und ich habe mich gefürchtet, weil ich nicht verstand, was sie sprachen; meine Eltern hatten immer nur deutsch mit mir geredet.
Ein paar Tage später sind meine Eltern mit dem Auto weiter gefahren in den Libanon, um Freunde zu besuchen. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah und ob sie jemals wiederkommen würden. Sie haben gesagt, für mich sei es im Libanon zu gefährlich. Sie haben mich einfach bei der Großmutter gelassen. Ich bekam immer Essen angeboten und die Kinder haben Katzen gebracht und sie mir auf den Schoß legen wollen.

Ich hatte nur Angst und hab mich an meine Puppe geklammert. Dann hatte ich das Gefühl – und ich habe das auch wirklich in ihrem Gesicht gesehen – dass die Puppe ganz traurig war. Sie verzog Augenbrauen und Mundwinkel. Ich musste sie trösten. Ich habe sie an mich gedrückt und ihr gut zugeredet, damit es ihr besser geht. Ich habe geflüstert, dass ich schon auf sie aufpassen werde und sie sich keine Sorgen machen soll. Einmal ist sie auf den Boden gefallen, weil ich nicht aufgepasst habe, und ich habe ihren Schmerz gespürt, wie einen eigenen.“

Was die Motivation zu einem sozialen Beruf angeht, so wirken wie in anderen Berufen rationale und emotionale Bestandteile zusammen. Bereits Kinder empfinden spontan Freude, anderen zu helfen. Diese Freude bleibt im Erwachsenenleben erhalten. Wenn ich missmutig aus dem Haus trete und ein Fremder bittet, ihm mit meiner Ortskenntnis zu helfen, gehe ich nach erfüllter Bitte und empfangenem Dank mit hoher Wahrscheinlichkeit besser gelaunt weiter.
Das Helfersyndrom ist also ein Motiv neben anderen. Freilich ist es für die Gefahr des Ausbrennens von Helfern („Burnout“) besonders wichtig. Inzwischen glaube ich auch, dass dieses Syndrom eine spezifisch deutsche Qualität hat. In keinem Land waren so viele Eltern traumatisiert und durch die Verbrechen des NS-Regimes beschämt. So lag und liegt es gerade für deutsche die Kinder nahe, sich mit einer idealen Elterngestalt zu identifizieren, um anderen zu geben, was sie selbst vermisst haben.

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