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Den Männern fehlen – Männer

Frauen verarbeiten einen gravierenden Verlust – etwa eine Scheidung – besser, wenn sie gute Freundinnen haben, an denen sie in ihrem Schmerz Halt finden. Verarbeiten auch Männer einen solchen Verlust besser, indem sie mit ihren Freunden darüber reden? Nein, sie probieren es erst gar nicht. Auch sie kommen über die Krise besser hinweg, wenn sie gute Freundinnen haben, an denen sie in ihrem Schmerz Halt finden. Vor den Kumpels wird die Blamage eher versteckt. Sehr viel mehr Männer als Frauen entwickeln sich nach einer Liebeskränkung zu Stalkern und verfolgen die Ex. Immer wieder werden sie auch gewalttätig – viel, viel seltener, als sie damit drohen, aber doch weit öfter als Frauen. Frauen können Trennungen besser verarbeiten, einen Mangel an Aufmerksamkeit und Zuwendung geduldiger ertragen, eine Arbeit eher leisten, aus der sich kein Prestige, kein dramatischer Erfolg gewinnen lässt.

Bollwerke männlicher Selbstüberschätzung

Diese Qualitäten konnten die Männer früher als Schwäche, gar als Zeichen der weniger dynamischen und kreativen Persönlichkeit „des Weibes“ schlechthin deuten. Aber diese Deutung bleibt ihnen heute sozusagen im Halse stecken. Denn wenn die arbeitslos gewordene Frau kein Problem hat, eine neue Stelle zu finden, der Mann aber arbeitslos bleibt, brechen die Bollwerke männlicher Selbstüberschätzung zusammen. Junge Frauen sind jungen Männern in ihrer Bereitschaft überlegen, für einen Arbeitsplatz den Wohnort zu wechseln. Nach dem Gesagten verwundert das nicht mehr, ist aber ein Schlag gegen Biologisten, welche Männern eine genetische Überlegenheit im Erschliessen weiter Jagdgründe nachsagen und die Frauen in dem engen Kreis um den heimischen Herd ansiedeln wollen. Heute ist es mehr und mehr so, dass qualifizierte Frauen mobiler sind als vergleichbare Männer. Während sich die Menschen-Männchen in ihren Höhlen verstecken, ziehen die Menschen-Weibchen hinaus in eine Ferne, welche die Männer mehr ängstigt als sie. Seit der Wende sind viele junge Arbeitskräfte in den Westen gewandert. Aber es waren nur 37 Prozent von ihnen Männer. Den Familientherapeuten verwundert das nicht. Er hat oft beobachtet, dass sich Jungen schwerer damit tun, das Hotel Mama zu verlassen. Wie sehen denn die typischen Szenarien aus, in denen junge Frauen und junge Männer ihre Trennung vom Elternhaus organisieren? Die Mädchen ziehen aus eigenem Impuls aus dem Elternhaus, sobald sie können. Sie fühlen sich zuhause eingeengt und möchten sich selbst ausprobieren.

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Männliche Nesthocker

Die Jungen hingegen bleiben, bis die Eltern ihnen eine Trennung nahelegen, die Freundin sie auffordert oder ein Arbeitsplatz weitab von zuhause nach dem Studium (das sie von der elterlichen Wohnung aus absolviert haben) die Trennung erzwingt. Ich lernte einmal die entnervte, alleinerziehende Mutter von drei Söhnen kennen, von denen keiner ausziehen wollte. Sie nahm sich endlich ein eigenes Apartment und überliess ihren Söhnen die geräumige Altbauwohnung für eine Studenten- WG. Junge Frauen sind es gewohnt, sich selbst mit emotionalen Bindungen zu versorgen und diese auch an einem neuen Ort aufzubauen. Junge Männer hängen an dem, was sie haben, an der Mama, an der Disko, in die sie seit Jahren gehen, am Sportverein. Es kommt ihnen gar nicht in den Kopf, wegzugehen. Sie spüren auch keine Ängste vor einer Trennung, das würde nicht in ihr Selbstbild passen. Sie behaupten, sie könnten ihre Freunde nicht im Stich lassen. Viel zu viele Väter haben resigniert. Sie sind chronisch enttäuscht, weil weder ihre Partnerin noch ihre Kinder ernstnehmen, was sie sagen. In den wenig gebildeten Schichten versuchen die Väter manchmal vergeblich, durch Geschrei oder Gewalt ein Stück verlorener Bedeutung zurückzugewinnen. Und in den gebildeten Schichten? Die Mütter sind seelisch besser auf ein Kind vorbereitet und lernen schneller dazu, während die Väter Zeit brauchen, um in die Gänge zu kommen. Die Partnerin müsste sie eigentlich anleiten, sich für das Kind zu interessieren, einen durchdachten Standpunkt zu finden. Wenn sie das nicht tut, hat sie schnell einen verzagten, gekränkten Partner, der sich aus seiner Vaterschaft zurückzieht, „weil ich es dir sowieso nicht recht machen kann!“ Es klingt zynisch, ist aber durchaus realistisch: die typische Reaktion gekränkter Väter ist es nicht, in ihrer Kränkungsverarbeitung zuzulernen. Vielmehr suchen sie sich eine Geliebte, die sie anhimmelt und lassen ihre Frau alleinerziehend zurück. Heute scheitern die meisten Ehen an der Geburt eines Kindes – ein radikaler Wandel gegenüber der früheren Auffassung, dass Kinder eine Ehe zusammenhalten.

Kinderlose Väter

Nur ganz selten bleiben die Kinder beim Vater, was psychologisch eine gute Lösung ist, denn von den Kindern getrennt lebende Mütter gehen diesen selten so verloren wie Väter, die nach dem Scheitern einer Partnerschaft intellektuell wissen, dass sie wichtig sind für ihre Söhne, aber die Kränkungen nicht verarbeiten können, die in Patchworkfamilien entstehen. In seinem Buch über „Die Jungenkatastrophe – das überforderte Geschlecht“ hat der Hamburger Lehrer Frank Beuster seine Kollegen aufgefordert, sich auf das langsamere Tempo und die schlechtere Kränkungsverarbeitung der männlichen Schüler einzustellen.

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2 Kommentare

  1. Dr Rudolf Krug sagt

    Sg Herr Schmiedbauer!
    hab etliche Ihrer Bücher u Artikel bereits gelesen,ja verschlungen.Habe selbst eine Scheidung(2006)hinter mir,die michauf meinen mehr als wackeligen ursprung zurückgeworfen hat.Ich wollte Ihnen
    mitteilen,dass Ihre Werke,Ihr Wirken obwohl ich Sie persönlich nicht kenne,Balsam auf meiner Seele waren u nach wie vor sind.Man spürt beim Lesen Ihrer Bücher u Artikel viel Empathie u Verständnis u bekommt das Gefühl,mit seinen Nöten nicht allein zu sein.Dafür möchte ich Ihnen hiermit einmal danken.Liebe Grüsse Rudolf Krug

  2. Der Bericht sagt mir nicht viel Neues. Erstens, weil ich mich – unter anderem durch die Lektüre von Steven Biddulphs Büchern – selbst stark mit Männlichkeit und Untervaterung beschäftige. Andererseits, weil ich momentan als Integrativkraft in einer Förderschule einen Jungen begleite, der die Scheidung seiner Eltern samt der damit verbundenen Kränkungsverarbeitung (natürlich auf dem Rücken des Jungen) zu verarbeiten hat. Und dann sagen die Lehrerinnen (natürlich!), die ihren Beamtenhintern ja im Trockenen haben, der Gute müsse sich nun mehr anstrengen, um nicht von der Schule zu fliegen. Dabei ist diese Schule seit langem der erste Ort, an dem der Junge sich wohl fühlt und etwas mehr Nähe und Lob zulässt. Ich fasse es manchmal nicht. Wohin steuert unsere vaterlose Gesellschaft?

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