Autor: W.S.
Unbewusste Rituale in der Liebe
Auf nicht natürlichen Wegen
Wer als Psychoanalytiker täglich mit den seelischen Nöten der Menschen des 21. Jahrhunderts zu tun hat, kann glatt zum Nostalgiker werden. Was die Angst vor falschen Entscheidungen angeht, war vordem das Leben wahrhaftig bequemer. Ob Krankheit oder Gesundheit, Geburt oder Tod: unsere prägenden Affekte fordern gebieterisch, schnell aus der Zone der Unsicherheit an einen sicheren Ort zu kommen. Und die von uns geschaffenen technischen Möglichkeiten stehen dem im Weg.
Dieser Entscheidungsdruck lastet auch auf Paaren, die sich ein Kind wünschen und keines bekommen. In der guten alten Zeit musste sich ein Paar mit seiner Unfruchtbarkeit abfinden; meist trug die Frau, [...] → weiterlesen.
Freuds Dilemma (ebook)
In diesem bei Rowohlt 1999 erstmals erschienenem Buch geht es um die Spannung zwischen wissenschaftlicher Fundierung und künstlerischer Praxis der Psychoanalyse, die an einer kunsthistorischen Fehlleistung Freuds aufgezeigt wird.
Dieser hat den Gegensatz der Skulptur, die durch Wegnehmen arbeitet, gegenüber Plastik und Malerei, die etwas hinzufügen, nicht – wie es richtige wäre – mit Michelangelo, sondern mit Leonardo da Vinci verknüpft. Es lässt sich nachweisen, dass ein mit der Metapher des “Wegnehmens” (der Psychoanalyse) und “Hinzufügens” (der Suggestion und stützenden Behandlung) formulierter Gegensatz keineswegs so klar ist, wie ihn Freud mit rhetorischen Kunstgriffen zu formulieren suchte.
Erst wenn wir diesen [...] → weiterlesen.
Die Angst vor der Liebe (ebook)
Wolfgang Schmidbauer berichtet in diesem Buch von den Ursachen der Angst vor der Liebe und dem unterschiedlichen Umgang von Männern und Frauen mit einem Mangel an Nähe.
«Ich habe versucht, in diesem Buch möglichst genau Einzelschicksale zu beschreiben. Sie sollen dazu dienen, ein wahrheitsgemäßes Bild psychoanalytischer Arbeit zu vermitteln, sowie Leserinnen und Leser ermutigen, ihr persönliches Schicksal und ihre gegenwärtige Situation zugleich liebevoll und schonungslos zu betrachten – ohne falsche Hoffnungen, aber auch ohne undifferenzierte Schuldgefühle, ohne die Selbstvorwürfe dessen, der sich anklagt, durch ein Versehen die Abzweigung zum Paradies übersehen und sich in der Wüste verirrt zu haben.[...] → weiterlesen.
Angst und Grausamkeit
Ein Kind, das Fliegen Beine auszupft oder Ameisen mit dem Brennglas verdampft, macht Grausamkeit zum Spiel, ähnlich der Katze, die eine verwundete Maus entkommen lässt und erneut die Krallen in sie schlägt. Die großen Grausamen der Geschichte wirken dem gegenüber weder neugierig noch spielerisch, sondern freudlos und von dem Bedürfnis gehetzt, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Das Kind und die Katze fürchten nicht, dass die Fliege oder die Maus ihnen schaden werden, wenn sie ihnen nicht zuvorkommen.
Die Tyrannen der Geschichte waren von der Phantasie geprägt, anderen antun zu müssen, was diese sonst ihnen antun würden. Die kindliche Grausamkeit [...] → weiterlesen.
Dr. Schreck und Dr. Glück
An einem Dienstag im Februar 2014 wurde ein niederländischer Facharzt für Neurologie wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er habe Jahre lang bei vielen Patienten willkürlich schwere Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson diagnostiziert, befand das Gericht. Er habe sie mit Medikamenten versorgt, die sie nicht brauchten und schmerzhafte diagnostische Eingriffe (wie Punktionen des Rückenmarks) durchgeführt, die nicht angezeigt waren. Eine Patientin beging nach einer falschen Diagnose Suizid, eine andere wurde durch eine fehlerhafte Punktion gelähmt und starb kurze Zeit danach.
Trotz unwiderleglicher Beweise für seine falschen Schreckensdiagnosen behauptete Ernst J.S. durchgängig, er habe sich nichts vorzuwerfen und nach [...] → weiterlesen.
Notizen zum letzten Drittel
Das letzte Lebensdrittel beginnt mit 60 Jahren. Wer um diese Zeit noch gesund ist und ein wenig Glück hat, kann die 90 erreichen, aber jedem nachdenklichen Menschen ist auch klar, dass er nicht nur nicht mehr jünger wird – das sagen wir ja schon mit dreißig oder vierzig Jahren – sondern auch viel von den Sicherheiten und Fertigkeiten verlieren wird, die ihm lange Jahre selbstverständlich waren.
Die spontane Reaktion auf diese Verluste ist es, sie zu leugnen. Der schöne Satz von der Jugend, die Trunkenheit ohne Wein sei, wird umgedreht: Wir trinken uns jung, wir dürfen dann endlich wieder kindisch [...] → weiterlesen.
Die Zukunft hat viele Illusionen.
Selten ist in einer Schrift gelassener und gleichzeitig rücksichtsloser über Religion diskutiert worden als in Sigmund Freuds 1927 erschienener Schrift „Die Zukunft einer Illusion“. Verglichen mit dem wenige Jahre später erschienen Essay über „Das Unbehagen in der Kultur“ wirkt Sigmund Freuds religionskritischer Essay optimistisch. Hier steht die berühmt gewordene Formulierung: „Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“
Über weite Strecken hin führt [...] → weiterlesen.
Mitleid, Beileid, Mehrleid
In manchen Traueranzeigen findet sich ein kleiner Satz: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir abzusehen.“ Manche der Teilnehmer an dem Abschiedsritual werden aufatmen; andere fühlen sich bevormundet. Die Angehörigen des Verstorbenen sagen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. Ist das eine Gegenströmung in einem Ritual, in dem Menschen zusammen kommen, um sich von einem der ihren zu verabschieden und jene zu trösten, welche dieser Verlust am schmerzlichsten trifft? Wohl eher ein Ausdruck der Unterschiedlichkeit und Unberechenbarkeit, die in einer Kultur regieren, die das Verhalten der Personen nicht mehr durch allgemeine Normen reguliert.
Leben und leben lassen, jeden nach seiner [...] → weiterlesen.









