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Empathie, ersehnt und überschätzt

Wenn etwas besonders hoch gelobt wird, liegt der Verdacht nahe, dass da etwas verborgen werden soll. In der Tat wird niemand, der die Entwicklungen in den globalisierten Staaten verfolgt hat, behaupten können, dass emotionale Intelligenz und Empathie prägende Kraft entfalten. Wir hätten nur  so gerne, dass sie mächtiger wären. Aber insgesamt dominiert doch eher das Kalkül der Heuschrecke. In der politischen Rhetorik scheinen sich inzwischen alle Politiker einig darüber zu sein, dass es wichtig ist, sich in das Bedürfnis der Wähler einzufühlen, möglichst lange von unangenehmen Wahrheiten verschont zu bleiben. Eine Rede, die Mühe, Schweiß und Tränen verspricht, wie sie Churchill 1940 gehalten hat, würde heute am Einspruch der Medienberater scheitern. Ist das die Anwendung der Empathie ist, die wir uns wünschen?

Einfühlung setzt ein entspanntes Erlebnisfeld voraus. Wo Angst oder Wut dominieren, hat die Empathie keinen  Platz mehr, so wünschenswert und hilfreich sie wäre. Konflikte in Familien oder am Arbeitsplatz entstehen immer dann, wenn die Gegner sich nicht mehr „verstehen“ d.h. sich nicht in den jeweils anderen versetzen können. Wer beispielsweise eifersüchtig reagiert, wird von der Verlustangst oft bewegt, den Partner zu verteufeln: er kann sich nicht in die Lage eines Gegenübers einfühlen, das andere Freiheiten und Freiräume braucht. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: je weniger ich mich in den Partner einfühlen kann, desto weniger kann ich noch seine Bindung spüren. So jage ich ihn fort, weil ich in meiner Panik überzeugt bin, er hätte mich längst verlassen.

Angesichts der krassen Einfühlungsmängel, welche die jugendlichen Amoktäter in Erfurt und Winnenden aufzeichneten, rufen manche im Kontext des Empathiebooms nach Unterricht in dieser Kunst. Tun das die gleichen Bildungspolitiker tun, die seit Jahren die musischen Fächer zugunsten der mathematisch-technischen zurückfahren? Kindliche Empathie muss nicht aktiv gefördert werden; sie entfaltet sich, wenn angstfreie Räume zur Verfügung stehen.  Wo Leistungsforderungen dominieren, schwindet Einfühlung. Alles was mit Spiel, mit Kreativität zu tun hat, stimuliert die Einfühlung. Solche Einsichten der psychologischen Forschung stecken schon in wohl bekannten Sprichwörtern. Dem deutschen Dichter Johann Gottfried Seume, der vor allem durch seinen „Spaziergang nach Syrakus“  bekannt geworden ist, wird eines davon zugeordnet. Es lautet:

„Wo man singt, da laß’ dich ruhig nieder,
böse Menschen haben keine Lieder.“

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