Kolumnen
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Du weisst doch genau…!

Solche Sätze sind wie Sägen, mit denen die Liebenden den Ast gefährden, auf dem sie sitzen. Der angeklagte Partner wird sich entwertet fühlen. Wenn er sich wehrt und streitet, ist das noch sehr viel positiver als Rückzug und Verlagerung der Interessen aus der Beziehung heraus.

Du weißt doch genau steht für den Versuch, eine Art Zwilling zu basteln, einen Liebesroboter, der die eigene Form der Liebe exakt spiegelt und so niemals Anlass zu Enttäuschung und Streit gibt. Du weißt doch genau ersetzt die liebevolle Erforschung des Fremden durch Symbiose. Meine Liebesworte sollen den Partner in eine Art Golem verwandeln, der nur mir gehorcht und stets zuerst an mich und meine Bedürfnisse denkt. Man könnte den Satz vervollständigen – „Ich habe keine Ahnung von Dir, aber Du weißt doch genau!“

Moderne Liebesbeziehungen formulieren einen scharfen, bei genauer Analyse illusionären Kontrast zur Geschäftswelt. In jeder Vorabendserie, in jedem Melodram erkennen wir die wahren Liebenden an ihrer Uneigennützigkeit und Opferbereitschaft. Da zu Beginn einer Beziehung die Bedürfnisse ausgeprägt sind, dem Partner zu beweisen, dass ich „gut“ bin, siedeln verliebte Paare in einer narzisstischen Blase, in der sie sich wechselseitig maximal bestätigen. Die Forderungen an den jeweils anderen stellen niemals dessen Opferbereitschaft auf eine harte Probe, weil es so wichtig ist, ihm Wünsche und Belastbarkeiten von den Augen abzulesen.

Wenn die Liebende bemerkt, dass ihr Geliebter öfter Lust auf Sex hat als sie, wird sie ihn nicht unmäßig finden, sondern entdecken, dass sie selbst eigentlich auch schon immer mehr Lust hatte, als sie es für möglich gehalten hätte. Wenn der Mann bisher im Urlaub am liebsten auf den Campingplatz ging oder an einem Gebirgsbach zeltete, wird er entdecken, dass ein Luxushotel viel bequemer ist, sobald er bemerkt, dass seine Liebste in einem weichen Bett schlafen will und sich ohne ein Badezimmer unwohl fühlt.

Wenn nun ein Kind geboren wird, zieht es die unsichtbaren, symbiotischen Bindungen der Eltern an sich. Was diese sich bisher an kindlichen Bedürfnissen nach Bewunderung und unverdienter Liebe schenkten, was ihre Beziehung zusammenhielt und gegen alle Stürme festigte – das Baby braucht alles für sich und mehr. Wenig Wunder, wenn überforderte Mütter einige Monate nach der Geburt sagen: Du weißt doch genau, ich brauche jetzt einen Vater als Partner und kein zweites Kind.

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