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Wenn der Tagtraum zur Sucht wird

Nun ist es für einen Elfjährigen nicht leicht, starken Männern aus Gefahren zu helfen, mit denen diese nicht fertig werden. Mir gelang das durch meine Ausrüstung, mit deren Komposition ich viele Stunden verbrachte und durch meine Unverwundbarkeit, die ich dem Siegfried der Heldensage abgeschaut, aber noch verbessert hatte; ich hatte nämlich keine verwundbaren Stellen.

Waffen beschäftigten mich sehr; unter anderem verfügte ich über ein Wunderschwert, das schärfer war als alle anderen Waffen, und über eine unscheinbare Pistole, aus der ich auch Atombomben abschießen konnte.
So war es kein Wunder, daß ich meine Freunde Winnetou, Old Shatterhand oder Dietrich von Bern ständig aus Umzingelungen übermächtiger Feinde retten konnte, denen sie zu erliegen drohten. Es bereitete diesem unverwundbaren Ritter, der so unscheinbar in seinen ausgewaschenen Manchesterhosen die Strasse entlang trödelte, keinerlei Probleme, einen Feind nach dem anderen mit seinem Diamantschwert entzweizuhauen oder, wenn es schneller gehen musste, sie schockweise mit einer Granate aus meiner Zauberpistole zu erledigen.

Diese Tagtraumwelt, in die ich mich jederzeit zurückziehen konnte, entstand zwischen acht und neun Jahren; sie löste sich unmerklich auf, als ich etwa sechzehn Jahre alt war und entdeckte, dass ich denken konnte. Natürlich hatte ich schon vorher gedacht, aber ich wusste nicht, dass ich dachte. Um diese Zeit reift das Stirnhirn. So entsteht die Möglichkeit zur Reflexion. Damals begann ich, in meinen Mussestunden Aphorismen und Gedichte zu verfassen, deren Pathos mich heute beschämt.

Ich erinnere mich, daß ich später manchmal versuchte, mich in den Tagtraumzustand zu versetzen, etwa nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte. Enttäuscht stellte ich fest, daß es mir nicht mehr gelang. Natürlich phantasiere ich immer noch, aber verglichen mit den Tagträumen von damals erscheinen mir die gegenwärtigen flüchtig, blass, bruchstückhaft, viel dichter bei der Realität und keineswegs vorwiegend angenehm.

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