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Harmlos ist die Beschneidung nicht

- sie wird nur von Interessengruppen so dargestellt

Ein unbeschnittener Mann war in vielen Kulturen einfach kein “richtiger” Mann. Die Operation war früher blutig und manchmal tödlich, da sie als Initiationsritus an Adoleszenten vorgenommen wurde. In der Bibel ist eine Kriegslist beschrieben, in der die Männer einer Stadt mit einem Bündnisversprechen überredet werden, sich beschneiden zu lassen. Als sie im Wundfieber lagen, wurden sie niedergemacht.

Dass männliche Säuglinge heute den Eingriff fast durchweg überleben und sich später nicht an ihn erinnern, macht die Sache nicht humaner, sondern nur weniger übersichtlich. Die Beschneidung der Säuglinge fügt sich in die zahlreichen Versuche der Religionsgemeinschaften ein, möglichst früh bindende Rituale zu vollziehen. Das soll verhindern, dass diese von dem erwachten kritischen Geist überprüft und womöglich abgelehnt werden. Es sollte aber keine Frage sein, welche Haltung besser in eine moderne, aufgeklärte Gesellschaft passt: der Übergriff an Wehrlosen oder die Geduld, mit der eine reflektierte Entscheidung abgewartet wird.

Zum Nachlesen:
Ronald Goldman, “Circumcision – The Hidden Trauma” (Vanguard Publications, Boston, 1997). 
David L. Gollaher, “Circumcision: A History of the World’s Most Controversial Surgery” (Basic Books, New York, 2001).

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Der folgende Artikel ist am 20.7.2012 etwas gekürzt in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Er antwortet auf eine Polemik des Urologen Albrecht Schilling in derselben Zeitung am 12.7., die sich gegen den ersten Beitrag („Harmlos ist die Beschneidung nicht“) richtete und mir unter anderem vorwarf, die hygienischen Vorteile einer Beschneidung bei alten Männern ignoriert zu haben und die Entfernung eines inzwischen überflüssigen Körperteils zu dramatisieren.

Harmlos ist die Beschneidung nur für den, der das Messer hält – Eine Entgegnung

In seinem Artikel greift mich Albrecht Schilling zum Teil mit heftigen Unterstellungen, zum Teil mit den inzwischen vertrauten Bagatellisierungen der Beschneidung an. Zunächst einmal sagen die behaupteten hygienischen Vorteile der Beschneidung wirklich nicht das Geringste zu der Frage, ob Kinder beschnitten werden sollen oder nicht. Weiter ist die Reduktion eines so stark rituell und religiös geprägten Brauches auf eine Hygienemaßnahme das Signal dafür, dass ein historisches Verständnis oder eine Vertiefung in die psychologischen Dynamiken gar nicht mehr gewünscht ist.

Ohne den Blick auf diese Hintergründe soll die Beschneidung von männlichen Kindern harmlos, die von Mädchen brutal wirken. In Wahrheit sind beides Körperverletzungen aus ideologischen Gründen. Das ist die einzige, aber keineswegs unwichtige Ähnlichkeit. Mehr habe ich niemals gesagt. Herr Schilling scheint sein wissenschaftliches Denken in dieser Frage zurückzustellen und medial gepflegte Klischees zu reproduzieren. Er könnte wissen, dass z.B. in Ägypten längst von Medizinern „schonende“ Methoden der Mädchenbeschneidung praktiziert werden, bei denen die Klitoris intakt belassen wird. Sind sie deshalb harmlos?

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