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Die Zerrissenheit des Migranten und die Sehnsucht nach dem Märtyrertod

Eine gute Beziehung zweier belastbarer Personen kann mit Mühe Kurs halten. Die vorher von unausgesprochenen Wünschen und hoher Rücksichtnahme auf die Kränkbarkeit des Partners gekittete Partnerschaft geht zu Bruch. Seit er nicht mehr das Zentrum von Sedas Aufmerksamkeit und Liebe ist, fühlt sich Cüneyt verlassen und beraubt, wie damals, als er im Alter von zwölf Jahren von seinem Vater aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen und in das türkische Internat gesteckt wurde. Er kann sich seine Eifersucht und die Verunsicherung seines Selbstgefühls nicht eingestehen. Er wird depressiv, sucht Anlehnung und Halt in der Moschee.
Cüneyt verliert den inneren Kontakt und die Bindung an seine Frau. In dem Abschiedsvideo wird seine zärtliche Kameradschaft zu den anderen Kämpfern deutlich, während kein Wort des Bedauerns, keine Geste daran erinnert, dass er eine Frau und drei hilflose Kinder verlassen hat. Es liegt nahe, von einer Homosexualität auszugehen, die angesichts der Paarkonflikte mobilisiert und durch den aggressiven Fanatismus abgewehrt wird. Sie wird in der Art der Kontaktaufnahme zu den Kameraden und in den Umarmungen des Abschieds deutlich. Diese Formen abgewehrter Homosexualität sind bei narzisstischen Störungen sehr häufig. Der männliche Kamerad spiegelt das eigene Selbst; er verunsichert es nicht, zwingt nicht dazu, sich in Fremdes einzufühlen, wie es die Wünsche einer Frau, die Ansprüche von Kindern tun.
Ein Baby weckt schlummernde Ungeheuer, die in unberechenbarer Weise gegen die erotische Faszination zwischen Mann und Frau wirken. Das kleine Geschöpf hat, was den Einfluss auf das menschliche Unbewusste angeht, die Macht des Magnetberges. Wir kennen ihn aus dem Märchen: Wenn eine Barke zu dicht an ihn heransegelt, reisst seine Kraft die Nägel aus den Planken; das Schiff zerschellt an den Klippen. Ganz ähnlich zieht das Baby die unsichtbaren, symbiotischen Bindungen der Eltern an sich, welche das schwache Selbstgefühl eines narzisstisch belasteten Menschen festigen. Was diese sich bisher an eigenen, unausgesprochenen kindlichen Bedürfnissen nach Bewunderung und unverdienter Liebe schenkten, was ihre Beziehung zusammenhielt und gegen alle Stürme festigte – das Baby braucht alles für sich und mehr. Wenig Wunder, wenn überforderte Mütter einige Monate nach der Geburt ihren Männern zu sagen beginnen, sie bräuchten jetzt endlich einen Vater als Partner und kein zweites Kind.
Manche Männer werden in dieser Situation krank, andere gehen fremd, um sich ihre Männlichkeit zu bestätigen; andere fangen an zu trinken. Wenn sie medizinische Hilfe suchen, werden sie mit Antidepressiva und im günstigsten Fall mit Psychotherapie behandelt. Aber ein Mann mit einem Migrationshintergrund tut sich nicht nur sehr schwer, sich diese Krise einzugestehen und sich die Verunsicherung in seiner Männlichkeit bewusst zu machen. Er verfügt auch über die Möglichkeit, fromme Traditionen aufzugreifen, die von einer unerschütterlichen Überlegenheit des Mannes über die Frau ausgehen.
So lässt sich Cüneyt einen Bart wachsen. Als seine Schwiegermutter besorgt frägt, redet er noch von einer Hautkrankheit, aber bald soll auch seine Frau ein Kopftuch tragen und die Schwiegermutter ist nicht mehr erwünscht, weil sie nicht gläubig genug ist. Später wird bekannt, dass Cüneyt Ciftci Kontakt zu Islamisten hatte, die mit dem Terroranschlag von Djerba und den Bombenbauern der sogenannten Sauerland-Gruppe verbunden werden.

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