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Angst und Grausamkeit

Je mehr technische Kompetenz wir anhäufen, desto schwerer wird es auch, Ohnmacht zu ertragen, Verzicht zu akzeptieren, sich gesund zu schrumpfen, wo Wachstum den Planeten schwächt und vergiftet. Die Manie der Machbarkeit zeugt als charakteristische Krankheit des 21. Jahrhunderts die Depression.

Die lustvolle Grausamkeit des forschenden Kindes lässt sich durch Einsicht in die goldene Regel der Ethik („was du nicht willst, dass man dir tu…“) mäßigen. Aber die angstvolle Grausamkeit der Militärs und ihrer Forscher, die immer perfektere Waffen entwickeln, macht die Angst zum Gesetz. Was andere mir antun könnten, muss ich schneller und nachdrücklicher ihnen antun können. Wer wilde Tiere beobachtet, wird herausfinden, dass Angst ein universelles und sehr starkes Motiv ist. Womit sie sich auch beschäftigen, ein Teil ihrer Aufmerksamkeit gilt immer den möglichen Gefahren. Sie sind bereit, alle anderen Aktivitäten aufzugeben, sobald sie etwas wahrnehmen, was gefährlich sein könnte, und sich auf diese Gefahr einzustellen.

Auch das menschliche Ich ist in seinen Anfängen ein Zentrum der schnellen Entscheidungen über sein Überleben. Angst ist die Energie, die es in Betrieb hält, Schmerz der Wächter, der die Angst weckt. Vernunft und Mitgefühl sind späte, wenig belastbare Errungenschaften des menschlichen Geistes. Die Angst vor kurzfristigen Einbussen an Sicherheit und Komfort ist schneller und daher oft auch mächtiger als die Einsicht, welche langfristige Folgen unserer kurzschlüssigen Entscheidungen ausmalt, ohne sich durchsetzen zu können.

Wie die Chaosforschung lehrt, spiegelt sich jede große Dynamik in kleinen Bewegungen (etwa der Zyklon in winzigen Luftwirbeln). Daher betrifft diese Unterscheidung zwischen der schnellen Angst und der langsamen Einsicht den Dieb oder Räuber (die schnell an das Begehrte kommen wollen) so gut wie den Politiker, der zwischen einer schnellen Scheinlösung und einer unpopulären, aber echten Lösung entscheiden soll. Schulden machen oder solide wirtschaften? Mit lästigen Gegnern verhandeln oder publikumswirksame Drohkulissen aufbauen? Man kann solche Rivalitäten mit der Konkurrenz zwischen Porsche und Fahrrad vergleichen: Der Radler hat erst eine Chance, wenn es kein Benzin mehr gibt.

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