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Mitleid, Beileid, Mehrleid

In manchen Traueranzeigen findet sich ein kleiner Satz: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir abzusehen.“ Manche der Teilnehmer an dem Abschiedsritual werden aufatmen; andere fühlen sich bevormundet. Die Angehörigen des Verstorbenen sagen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. Ist das eine Gegenströmung in einem Ritual, in dem Menschen zusammen kommen, um sich von einem der ihren zu verabschieden und jene zu trösten, welche dieser Verlust am schmerzlichsten trifft? Wohl eher ein Ausdruck der Unterschiedlichkeit und Unberechenbarkeit, die in einer Kultur regieren, die das Verhalten der Personen nicht mehr durch allgemeine Normen reguliert.

Leben und leben lassen, jeden nach seiner Fasson, ist im Alltag ein angenehmes Prinzip, das wir um keinen Preis gegen die Zwänge einer traditionellen Welt tauschen wollen. Aber in Grenzsituationen zeigt sich eine Schwäche dieses Modells. Wenn früher ein enger Blutsverwandter starb, zerrissen die Angehörigen ihre Kleider oder wechselten deren Farbe. Jeder erkannte sofort: diese Person ist aus ihrer Alltagsnormalität gefallen.

Heute verlässt ein Angestellter das Büro und trifft eine Kollegin auf dem Flur. Sie wünscht ihm einen schönen Feierabend. Entweder er verstellt sich, oder sie muss sich über sein Verstummen empören. Sie ahnt nicht, dass er in das Hospiz geht, in dem seine Frau im Sterben liegt.

Seit die Verarbeitung von Schmerz und Trauer individuell und unsichtbar geworden ist, kann Anteilnahme stören. Ich habe mich mühsam genug damit abgefunden, dass mein schwer krankes Kind gestorben ist. Ich weine nicht mehr, ich kann das tragische Geschehen ertragen und mich wieder in meinem Leben zurecht finden. Sobald ich aber jemandem davon erzähle, wird es schwierig.

Unsere Gefühle sind nicht synchron wie ein gemeinsames Trauerritual – eine Woche klagen, ein Jahr schwarze Kleider. Worauf ich bereits gefasst reagiere, wird für den, der zum ersten Mal davon erfährt, zum aufwühlenden Ereignis. Am Ende ertappe ich mich verwirrt dabei, dass ich eine weinende Person trösten möchte, die nicht ihren, sondern meinen Verlust beklagt.

Verluste und Verletzungen zu verarbeiten, ist eine schwierige, schöpferische Leistung der Psyche. Andere Menschen können solche kreativen Prozesse unterstützen oder auch stören. Da es heute keine allgemein gültigen Rituale mehr gibt, können wir uns nur an Einfühlung orientieren. Diese entwickelt sich unter entspannten, zu genauer (Selbst)Beobachtung geeigneten Seelenzuständen am besten. Und gerade dazu sind Menschen oft nicht in der Lage, wenn sie der Wucht eines traumatischen Ereignisses ausgesetzt sind.

So entspricht der Satz über die Beileidsbezeugungen einem Spruch, den Picasso gerne zitierte, wenn geschwätzige Besucher in sein Atelier kamen: „Das Gespräch mit dem Chauffeur ist während der Fahrt verboten!“ Ehe ich versuche, jemandem klar zu machen, wie schrecklich ich sein Leiden finde, muss ich mir über meine eigenen Bedürfnisse ebenso klar werden wie über seine Aufnahmebereitschaft und seine Position in dem Prozess der Trauer. Andernfalls bin ich so lästig wie der teilnehmende Passant, der dem Rollstuhlfahrer seine Bewunderung kundtut, wie gelassen dieser sein schweres Schicksal erträgt – „ich könnte mit einer solchen Behinderung nicht leben!“

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  1. Martin Fill sagt

    Nebenbetrachtung zum Flensburger Urteil: Bei der genauen Beschreibung „Das Essen musste ihnen eingegeben werden … vieles landete auf dem umgebundenen Lätzchen …“ fiel mir (ich bin Kinderbetreuer) auf, dass diese Beschreibung doch nahezu hundertprozentig auch für die zwei Kinder (2 J. bzw 6 Mo) gelten wird. Die essen auch nicht „schön“ und werden dennoch als Belästigte betrachtet.Oder haben die kids ebenso den Erwachsenen den Aufenthalt verleidet?

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