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Ein Sommernachtstraum als Paartherapie

Essay für das Programmheft der Salzburger Festspiele

Ein Trupp von Handwerkern hat sich vorgenommen, als Beitrag zu einer Fürstenhochzeit die Geschichte von Pyramus und Thisbe aufzuführen. Sie stammt aus einem der folgenreichsten Texte Europas: Ovids Metamorphosen, einem Epos über die meist unerfreulichen Verwandlungen, welche Liebe und Leidenschaft dem Menschen bescheren. Viele Bilder, mit denen wir uns und anderen Liebesverwirrungen erklären, sind aus Ovids Text gegraben. Narziss etwa, der sich in sein Spiegelbild verliebt und in eine Blume verwandelt wird. Oder die keusche Daphne, die zum Lorbeer wird, ehe der Dichter-Gott Apoll sie haben kann.
Pyramus und Thisbe sind das schönste Paar in Babylon. Sie wohnen Haus an Haus, die Eltern sind verfeindet, die Liebenden dürfen sich nicht sehen. Sie entdecken einen Riss in der Ziegelmauer, welche beide Häuser trennt, tauschen liebkosende Worte und verabreden sich nachts unter einem Maulbeerbaum bei einer Quelle vor der Stadt.

Thisbe, die früher als Pyramus eintrifft, flüchtet vor einer Löwin. Die Bestie hat ein Rind geschlagen und sucht die Quelle, um zu trinken. Ihr Maul ist noch voller Blut. Auf der Flucht verliert Thisbe ihren Schleier. Sie versteckt sich in einer Höhle. Pyramus findet nicht Thisbe, sondern ihren Schleier, den die Löwin zerfetzt und mit Blut befleckt hat. Überzeugt, seine Liebste sei tot, von dem Raubtier verschlungen, stürzt sich Pyramus voller Schuldgefühle in sein Schwert. Seine letzten Worte:

Ich nur trage die Schuld; ich habe dich, Ärmste, gemordet,
Der ich kommen dich hieß bei Nacht an grausige Stätte,
Und als der spätere kam. Reißt meinen Körper in Stücke
Und mit dem grimmen Gebiss zehrt auf die verruchten Geweide,
All ihr Löwen zumal, die ihr haust hier unter dem Felsen!

Pyramus möchte sich im Magen der Löwin mit der Geliebten vereinen. So findet ihn Thisbe, die einen lebendigen Geliebten sucht. Sie sieht den zerrissenen, blutbefleckten Schleier. Sie erkennt, dass sich Pyramus tötete, weil er sie tot glaubte. Gerührt von diesem Liebesbeweis stürzt sie sich in sein „noch warmes“ Schwert, wieder ein Symbol für die Vereinigungssucht der Liebenden. Das Blut des Paars benetzt die Wurzeln des Maulbeerbaumes. Seine einst weißen Beeren sind von nun an dunkelrot. Die Eltern füllen die Asche von Pyramus und Thisbe in eine Urne und bestatten diese unter dem Baum.

Pyramus und Thisbe sind, nicht anders als das ihnen so ähnliche Paar Romeo und Julia, Liebesvorbilder der negativen Art. Sie stehen für den Schatten der Verliebtheit, die das Ich verzaubert und in bisher unerreichte Höhen hebt: So beseligend der Höhenflug, so gefährlich der Absturz. Wo eine Seele sich ganz in eine andere fließen lässt, wo es unmöglich wird, sich eine Trennung auch nur vorzustellen, wachsen auch die Gefahren der Liebe. Gemessen an dem, was die Liebenden selbst einander antun können, sind die Verbote der Eltern so harmlos wie die Mauer, durch deren Ritze nur zärtliche Worte dringen.

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