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Notizen zum letzten Drittel

Das letzte Lebensdrittel beginnt mit 60 Jahren. Wer um diese Zeit noch gesund ist und ein wenig Glück hat, kann die 90 erreichen, aber jedem nachdenklichen Menschen ist auch klar, dass er nicht nur nicht mehr jünger wird – das sagen wir ja schon mit dreißig oder vierzig Jahren – sondern auch viel von den Sicherheiten und Fertigkeiten verlieren wird, die ihm lange Jahre selbstverständlich waren.

Die spontane Reaktion auf diese Verluste ist es, sie zu leugnen. Der schöne Satz von der Jugend, die Trunkenheit ohne Wein sei, wird umgedreht: Wir trinken uns jung, wir dürfen dann endlich wieder kindisch sein, Grenzen leugnen, unserem Organismus Leistungen abverlangen, die er früher gerade noch bewältigt hat. Besonders gefährlich kann das im Sport und im Straßenverkehr werden.

Der Schifahrer, der sich auf der Hütte mit dem beschönigend „Jägertee“ genannten Rumverschnitt labt, ist hochgradig unfallgefährdet, wenn er es dann auf der Piste den Jüngeren noch einmal zeigen will. Ähnlich kann der zwanzigjährige Autofahrer Situationen meistern, denen der fünfzigjährige besser ausweichen sollte. Dennoch glauben überall auf der Welt Mütter und Väter an der Schwelle zum letzten Drittel, dass sie es sind, die ihre längst erwachsenen Kinder mit guten Ratschlägen gegen Gefahren wappnen müssen, die ihnen längst dichter auf den Leib rücken.

Das angenehmste Ereignis, das im letzten Drittel auf uns wartet, sind die Enkelkinder. Es ist kein Zufall, dass Sigmund Freud seine tiefsinnigsten Beobachtungen über das kindliche Spiel nicht an seinen Kindern, sondern an seinen Enkeln gewonnen hat. Die eigenen Kinder sind zuerst einmal eine Aufgabe. Eltern tragen die Last der Verantwortung, sie müssen sie versorgen, erziehen, planen, wie sie Familienleben und Karriere unter einen Hut bringen. Großeltern hingegen können in aller Ruhe beobachten, was für ein Wunder die Menschwerdung ist.

Während die Menschen im letzten Drittel lernen müssen, wie wichtig es ist, loszulassen und animalische Signale wie Schmerz und Erschöpfung richtig zu deuten, ist es für das Kleinkind in seiner Welteroberung völlig selbstverständlich und weitgehend unschädlich, sich zu überschätzen und zu verausgaben. Der Siebzigjährige wird, wenn er noch Sport treibt, sehr sorgfältig darauf achten, dass die Kufen seiner Schlittschuhe nicht schneller sind als sein Hinterteil; für den Vierjährigen ist ein Tag auf dem Eis langweilig, an dem er nicht vierzigmal hingefallen ist.

Das Kind leidet unter seinem Mangel an Kräften. Die Belastbarkeit von Bändern, Sehnen und Gelenken ist ihm meist völlig selbstverständlich. Ich erinnere mich, wie fasziniert ich bei meiner ersten Lektüre der Heldensagen von Herkules war oder von dem magischen Ring, der dem Zwergenkönig Laurin in der Dietrichssage Zwölfmännerstärke verleiht.

Mein Großonkel und Firmpate, ein erfahrener Forstmann und Gebirgsjäger, erklärte mir und meinem Bruder feierlich, es sei leichter bergauf zu gehen als bergab. Wir sollten Gebirgswege nicht hinunterlaufen und von Stein zu Stein springen! Ich habe ihn damals bei aller Liebe für verrückt gehalten; heute weiß ich, dass er Recht hatte – für sich, aber ganz und gar nicht für Zehnjährige.

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