Alle Artikel mit dem Schlagwort: Narzissmus

Massenmord als narzisstische Geste des 21. Jahrhunderts

Eine wirksame Prophylaxe wird der Öffentlichkeit viel abverlangen – unter anderem den Verzicht auf eine Berichterstattung, welche die Täter glorifiziert

Dieser Artikel erschien gekürzt und unter einem anderen Titel am 27.7.2016 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

Nach Winnenden, Erfurt, Würzburg, nach Charleston und Columbine High School jetzt also auch München. „Sinnlose“ Massenmorde durch Halbwüchsige mit automatischen Waffen gehören zu den großen Gesten in den Konsumgesellschaften des 21. Jahrhunderts. Sie werden zunehmen und uns bedrohen, bis wir ein wirksames Gegenmittel finden.
Die meisten gewissenhaften Selbstbeobachter werden zugeben, dass ihnen Mordimpulse nicht gänzlich fremd sind. Kaum einer hat das in einer so schönen Mischung von Idylle und Schauder vorgetragen wie Heinrich Heine:

„Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene

[...]

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Sexuelle Gewalt und männlicher Narzissmus

Nicht nur unter Migranten drohen Entgleisungen, wenn sich Männer als Verlierer im sozialen Fortschritt erleben

Die Silvesternacht in Köln, ein paar Wochen vor dem Karneval, Feierlaune, Betrunkene, die nicht vorsichtig genug mit ihren Böllern und Raketen umgehen – und plötzlich kippt die Szene, wird zum sexualisierten Mobbing, zur spontan organisierten männlichen Kriminalität gegen Frauen. In der Folge schrille Fragen nach dem Zusammenprall von Kulturen, dem Umgang mit Migranten. Auf Veranstaltungen der rechten Szene wird ein T-Shirt verkauft, auf dem eine Frau vor Männern flieht; Text: Rapefugees not welcome. Die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof haben ein Phänomen nach Deutschland transportiert und unter ein politisches Vergrößerungsglas gelegt, das sich an vielen Orten in der Welt schon geraume [...]

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Die Justiz schweigt

„Der Täter ist Sportschütze.“ Massenmord als narzisstische Geste des 21. Jahrhunderts

Warum wir den Grund für das Morden nicht wissen wollen – und wie weit der Weg ist, um der Gefahr zu entkommen

„Es ist schwer, das Unfassbare zu begreifen.“ „Wir werden es wohl nie verstehen.“ Der erste Satz kommt aus einer aktuellen Tageszeitung nach dem rassistischen Massenmord an Kirchgängern in Charleston, Süd-Carolina. Der Täter, ein weißer 21jähriger, erschoss neun Menschen in einer vorwiegend von Schwarzen besuchten Kirche, nachdem er eine Stunde an der Bibelstunde teilgenommen hatte. Der zweite Satz stammt von dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Er fiel nach dem Massaker an der Columbine High School. Einige Monate vor Charleston [...]

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Der (einst) geliebte Mörder

Am 10.Juli 2013 bewaffnete sich ein 38jähriger Streifenpolizist in einem Münchner Vorort mit seiner Dienstwaffe und einem Revolver. Er fuhr zur Arbeitsstelle seiner Lebensgefährtin, die sich vor kurzem von ihm getrennt hatte; die fünfjährige Tochter des Paars war um diese Zeit bei seinen Großeltern untergebracht. Die Eltern waren sich über das Sorgerecht nicht einig geworden. Der Vater holte die Mutter aus ihrem Betrieb, um mit ihr über das Kind zu reden. Nach einem kurzen Gespräch richtete er seine Dienstwaffe auf sie und schoss das ganze Magazin leer. Sie war sofort tot. Der Täter stieg in sein Auto und erschoss sich [...]

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Der Wirt Butterblume

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf scheinbar „gleiche“ seelische Belastungen. Sexueller Missbrauch führt einmal in ein von Angst und Scham gezeichnetes Leben, ein anderes Mal scheint er eine normale Entwicklung nicht zu beeinträchtigen. Ein Opfer wird von quälenden Erinnerungen heimgesucht und findet nie in ein normales Familienleben, ein anderes entwickelt sich unbeeinträchtigt und erinnert sich erst an das Trauma, als es darüber in der Zeitung liest – ach ja, ich war auch einmal in diesem Internat, diesen Erzieher kenne ich, der ist auch zu mir ins Bett gekommen, widerlich das, ich hatte es vergessen!

Angesichts einer körperlichen Verletzung orientiert sich der [...]

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Dumme Dinge oder wie die Konsumwelt unsere Intelligenz ruiniert

- oder wie die Konsumwelt unsere Intelligenz ruiniert
Eine gekürzte Version dieses Artikels ist in der Ausgabe 03/12 von "Psychologie heute" erschienen
Es ist eine abgründige Frage, warum Menschen das Richtige erkennen, es billigen – und dann doch das Falsche tun. Sie wurde viele hundert Jahre lang von Moralisten gestellt und bezog sich auf das Handeln von Individuen, die beispielsweise wissen, dass Ehebruch verboten ist, diese moralische Haltung auch gegenüber ihrem Partner vertreten – und dann fremd gehen.

Kleist

Die Entdeckung der narzisstischen Wunde
Aus einer Rezension von Christine Kanz, erschienen in: Jahrbuch für Literatur & Psychoanalyse. „Nach begonnener Lektüre möchte man es eigentlich nur ungern aus der Hand legen, es stattdessen in einem Zug von vorne bis hinten, Seite für Seite durchlesen, auch wenn man zwischendurch immer wieder leicht irritiert bis empört den Kopf schütteln muss.

Stalking und andere Phantasiebeziehungen – Der Liebeswahn heute

Dieser Beitrag entstand für das Programmheft zu Händels Orlando an der Komischen Oper Berlin

ORLANDO:
Und das ist nun der Dank, grausame Angelica, für meine Liebe und meine Treue? Aber diese Flucht wird euch schlecht bekommen! Ihr werdet mir selbst in der Hölle nicht entgehen!
ZARATHUSTRA:
Der Verstand muss sich verwirren, er versinkt in tiefes Dunkel, lässt er sich von Liebe leiten.
(2. Akt, Szene 3 u.4)

Händels Oper Orlando ist ein früher Versuch, sich der Verwandlung von Liebe in Wahn, Wut und Hass zu bemächtigen. Händels Lösung, die aufgewühlten Emotionen nicht durch Gegenliebe, sondern durch Vernunft zu zähmen, kündigt die Aufklärung an. Gegenwärtig schwindet der Glaube an die Macht der Vernunft über die [...]

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Kleists Narzissmus

Vortrag auf der Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist Gesellschaft in Berlin, November 2008

Jemanden wie Heinrich von Kleist würde man heute in die Psychiatrie stecken. Schon als Kind sei er, so ist es überliefert, ein nicht zu dämpfender Feuergeist gewesen – man hätte ihm heute das Zappelphilippsyndrom zugeschrieben, und Pillen gegen ADHS hätte er bekommen, um den krassen Wechsel zwischen Hyperaktivität und Depressivität ins Flussbett der Gewöhnlichkeit hineinzudämmen. Aber könnten wir dann dieses grandiose dichterische Werk bewundern?

So schreibt der Germanist Hermann Kurtze in einer Sammelrezension neuer Kleist-Biographien. Ich widerspreche dem. Kleists Verhalten wäre gegenwärtig nicht unproblematisch, gewiss. Vielleicht würde er wie [...]

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Die verletzte Narzisse

Britney Spears aus der Sicht des Narzissmusforschers

Teenie-Star ist ein verächtliches Wort. Es sagt etwas über die Angst der Älteren. Teenie-Stars sind keine süssen Kinder, sondern hart arbeitende, zielbewusste Künstler, Jäger des Ruhms, die begriffen haben, wo sie den Weg zur Spitze suchen müssen. Der Mensch erreicht mit 14 Jahren den Höhepunkt seiner geistigen und physischen Leistungsfähigkeit. Niemals wieder wird er so schnell denken, unbekannte Probleme lösen, sich nach Verletzungen erholen können. Natürlich fehlt den jungen Frauen und Männern die Erfahrung. Aber was ist Erfahrung? Erfahrung mag ausnahmsweise auch einmal weise machen; die meisten Menschen engt sie ein.
In einer [...]

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