Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gesellschaft

Auf dem Holzweg

In Norwegen gehören mit Schindeln verkleidete Kirchen aus Holz zu den Sehenswürdigkeiten. Manche stehen seit dem Mittelalter am selben Platz. So hat es den Zeitungsleser doch verwundert, über die 1971 eingeweihte Kirche in Breitbrunn am Ammersee zu erfahren, dass ihr von Holzbalken getragenes Dach einsturzgefährdet ist. Die Kirche wurde gesperrt, vielleicht wird sie abgerissen, eine Sanierung wäre sehr teuer. Schuld an der Misere ist der Leim, und der Geist der Konsumgesellschaft war hier wieder einmal mächtiger als der heilige Geist

Minenfeld oder Kreidekreis?

Ehe der Fall Özil so durchgenudelt ist, dass keiner mehr etwas davon hören kann, sollte doch die Frage gestellt werden: Was können wir daraus lernen? Als meine Großeltern heirateten, war es ein Skandal, dass sich eine katholische Kaufmannstochter in einen evangelischen Juristen verliebt hatte. Der Jurist musste zusichern, dass die gemeinsamen Kinder katholisch getauft wurden. Sonst drohte der Großmutter die Exkommunikation. Ich selbst habe im katholischen Passau noch eine Predigt gehört, dass Kinder aus „Mischehen“ spätestens in der zweiten Generation zu Heiden werden.

Weil er es tun kann

Die ersten Schüsse wurden bei dem Massaker in Las Vegas als Teil der Veranstaltung missverstanden – ein Trommelwirbel, der Beginn des Feuerwerks, mit dem solche Festivals oft beendet werden. Viel zu spät bemerkten die Teilnehmer, dass etwas nicht stimmte. Minutenlang schoss der 64 Jahre alte Stephen Paddock aus dem 32. Stockwerk eines Hotels auf Menschen, die tief unter ihm wimmelten. Er konnte aus dieser Entfernung nicht genau zielen, aber das ist bei Maschinengewehrfeuer auch nicht nötig. Manchmal gab es Pausen – er brauchte sie zum Nachladen der Schnellfeuerwaffen.
Zunächst reklamierte die Terrormiliz IS die Tat für sich. Aber Paddock kämpfte [...]

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Hinter Tugendmasken stecken oft Fanatiker

Mediengesellschaften entwickeln eine dekontextualisierte Ethik, die ich anschaulicher Helikoptermoral nenne. Dekontextualisiert heißt: Werte werden aus dem Zusammenhang gerissen. Sie werden zum Superlativ übersteigert, sobald sich Zweifel melden. Sie spalten den Blick auf die Welt. Statt das Zusammenleben der Menschen angemessen zu regulieren, wird diese Moral zu einem Mittel, einen Sturm der Entrüstung zu entfesseln, die eigene Geltung auf Kosten eines Denunzierten zu steigern und in der Folge Menschen zu zerstören.
Charakteristisch für die Helikoptermoral ist das schnelle, dramatische Urteil, das die klassische Gewaltenteilung völlig ignoriert: Anklage wird Schuldspruch. Ein Beschuldigter verliert Stellung und Ansehen, ehe die Vorwürfe geklärt sind. Die [...]

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Helikoptermoral

Die globalisierte Konsumgesellschaft plagen chronische Ängste. Sie verschwendet mehr als nachwächst, sie weckt den Neid der Habenichtse und den Terror der Gekränkten. Diese Ängste münden in Hyperaktivität, sei es des Übereifers, sei es der unverhältnismäßigen, verschwenderischen Reaktion auf konstruierte Gefahren. Wie ihr Pendant, die Helikoptereltern, ist auch die Helikoptermoral immer schon da, immer bereit, Stellung zu beziehen.

„Komm! ins Offene, Freund!“

In dem Hölderlin-Vers steckt eine zentrale Aussage zur Psychologie der Offenheit: Sie ist bezogen auf den Freund, auf ein Gefühl, nicht allein aufzubrechen, sich nicht isoliert der Unsicherheit auszusetzen, sondern begleitet von Wohlwollen. Offenheit und vertrauensvolle Beziehungen gehören zusammen. Nun ist aber Vertrauen, wie Niklas Luhmann sagte, eine riskante Vorleistung. Wenn wir die aktuelle Situation in Europa betrachten, kann einem bange werden um die Zukunft der offenen Grenzen zwischen den Nationalstaaten, auf die wir eine Weile so stolz waren. Ähnliches gilt für die Offenheit für Verfolgte.

Sexuelle Gewalt und männlicher Narzissmus

Die Silvesternacht in Köln, ein paar Wochen vor dem Karneval, Feierlaune, Betrunkene, die nicht vorsichtig genug mit ihren Böllern und Raketen umgehen – und plötzlich kippt die Szene, wird zum sexualisierten Mobbing, zur spontan organisierten männlichen Kriminalität gegen Frauen. In der Folge schrille Fragen nach dem Zusammenprall von Kulturen, dem Umgang mit Migranten. Auf Veranstaltungen der rechten Szene wird ein T-Shirt verkauft, auf dem eine Frau vor Männern flieht; Text: Rapefugees not welcome. Die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof haben ein Phänomen nach Deutschland transportiert und unter ein politisches Vergrößerungsglas gelegt, das sich an vielen Orten in der Welt schon geraume [...]

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Befreiung aus der Ohnmacht

Aggression erregt mehr Aufmerksamkeit als Hilfsbereitschaft. Man muss nur an die Textseiten und Sendeminuten denken, die eine Pflegekraft auf sich zieht, welche einen Schwerkranken vergiftet. Damit verglichen scheint das Interesse für die Krankenschwester minimal, die ihre Patienten aufmerksam betreut. Ähnlich gegensätzlich wirkt die mediale Aufmerksamkeit für die Folgen des Zustroms von Flüchtlingen nach Europa. Einer wird viel diskutiert: die Anschläge auf Unterkünfte und die rassistischen Äußerungen rechter Politiker. Der andere vollzieht sich eher im Verborgenen: die vielfältige Hilfsbereitschaft Freiwilliger, die – an Stunden gemessen – die kriminellen Aktionen aussehen ließe wie eine Pfütze neben dem Meer.

Warum helfen Menschen anderen [...]

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