Alle Artikel in: Vortrag

Rituale

Vortrag im Rahmen der Sommerakademie des Moreno-Instituts

Zusammenfassung:
Aus dem Einfluss ödipaler Szenen wird das Modell unbewusster Rituale entwickelt, um die Dynamik von Paaren zu erschließen. In der Paartherapie wird deutlich, dass die Idealisierung eines Partners während der Phase der Verliebtheit solche frühen Einflüsse verarbeitet. Krisen der Partnerschaft lassen sich durch die Arbeit an diesem Geschehen aufklären und bewältigen. Es ist davon auszugehen, dass im Kontext der Identifizierungen während der Verarbeitung der ödipalen Dynamik nicht nur Einzelpersonen und deren spezifische Qualitäten introjiziert werden, sondern auch emotional aufgeladene Interaktionen zwischen den Eltern. Sie prägen das spätere Beziehungserleben in seiner Dynamik von Idealisierung, Entwertung und dem Mittelweg des Rituals.[...]

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Die Zukunft hat viele Illusionen.

Warum sich Freud irrte, als er den Sieg der Analyse über die religiöse Illusion ankündigte

Selten ist in einer Schrift gelassener und gleichzeitig rücksichtsloser über Religion diskutiert worden als in Sigmund Freuds 1927 erschienener Schrift „Die Zukunft einer Illusion“. Verglichen mit dem wenige Jahre später erschienen Essay über „Das Unbehagen in der Kultur“ wirkt Sigmund Freuds religionskritischer Essay optimistisch. Hier steht die berühmt gewordene Formulierung: „Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.“

Über weite Strecken hin führt [...]

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Facetten und Entwicklungen des Narzissmus-Konzepts

Vortrag zum 5. Bayerischen Landespsychotherapeutentag

(Auszug – den gesamten Vortrag gibt es hier als Pdf zum Download.)

Ungefähr zur selben Zeit wie die Bomben der beiden Terroristen beim Boston-Marathon explodierte in Texas eine Kunstdüngerfabrik. Verglichen mit ihrer Wucht sind die Kochtopf-Bomben in Boston nur ein böses Spielzeug gewesen. Es gab in Texas auch erheblich mehr Schaden und Tod. Die Reaktionen der Medien und der Staatsmacht waren ganz und gar nicht das, was der Jurist „verhältnissmäßig“ nennt. In Texas normale Berichterstattung und professionelle Polizeiarbeit, in Boston Buhei pur: Eine ganze Stadt unter Ausgangssperre, Schwerbewaffnete durchkämmen Straßen und Wohnungen.

Sie verhaften den Täter nicht. Der Täter wird [...]

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Das Unbewusste und der Wald

Vortrag auf der Tagung: Blätterwald – Wald in den Medien

Dem Naturentzücken und der Ursprungsschwärmerei angesichts des Waldes hält die Wissenschaft gerne entgegen, dass der Wald in Europa genau so Kulturlandschaft sei wie Felder oder Fischteiche. Aber dennoch ist es etwas Eigentümliches mit dem Wald. Er ist anders, und das liegt an den Bäumen.

Weil sie in der Regel länger leben und größer werden als der Mensch, flössen sie uns Achtung und Ehrfurcht ein, gemischt mit Angst, denn der unbewaffnete Mensch kann einem Baum nichts anhaben, der Baum aber auch den Bewaffneten erschlagen, vor allem, wenn ihm die Elemente -Sturm oder Schnee – zu Hilfe kommen. Wenn nach einem Unwetter [...]

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Rilke, Krankheit und Dichtung

Vortrag für die Jahrestagung der Rilke-Gesellschaft

Wir sind ins Leben gesetzt, als in das Element, dem wir am meisten entsprechen, und wir sind überdies durch jahrtausendelange Anpassung diesem Leben so ähnlich geworden, daß wir, wenn wir stille halten, durch ein glückliches Mimikry von allem, was uns umgibt, kaum zu unterscheiden sind. Wir haben keinen Grund, gegen unsere Welt Mißtrauen zu haben, denn sie ist nicht gegen uns. Hat sie Schrecken, so sind es unsere Schrecken, hat sie Abgründe, so gehören diese Abgründe uns, sind Gefahren da, so müssen wir versuchen, sie zu lieben.

Psychologische Diagnosen gleichen Musikinstrumenten. Sie engen eine Vielfalt von Möglichkeiten ein, um praktische [...]

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Die Illusionen über das Gegenüber und die virtuelle Welt

Erzwungene Beziehungen greifen um sich, vom Stalking zur Zwangsverpflichtung des widerspenstigen Vaters

Es ist nicht so, das Liebe manchmal Fehler macht, sondern die Liebe selbst ist ein Fehler. Wir verlieben uns, wenn unsere Phantasie auf eine andere Person die Perfektion projiziert, die sie nicht hat. Eines Tages verschwindet das phantastische Bild, und mit ihm stirbt die Liebe.

So melancholisch hat der 1883 geborene spanische Philosoph Ortega y Gasset in seinem Essay Über die Liebe die Bindung der höchsten Gefühle an die größten Illusionen kommentiert. Wer manche Verwirrungen der Gegenwart untersucht, kann ihm nur beipflichten. Der liebende Mensch ist [...]

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Berufsrollen unter Druck

Vortrag für die Tagung der Gefängnispsychologen in München
Sollbruchstellen und Stresszonen in Institutionen

Warum sind Erdbeben und Vulkanausbrüche nicht gleichmässig nach dem Zufallsprinzip über die Oberfläche des Planeten verteilt, sondern treten an bestimmten Punkten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit auf als an anderen? Die Geologen erklären uns das damit, dass die Erdkuste nicht stabil und überall gleich dick ist, sondern sich aus verschiedenen Schollen zusammensetzt, die auf dem glutflüssigen  Erdinneren „treiben“ – freilich in der dem Geologen vertrauten minimalen Geschwindigkeit.

Dennoch gibt es hektische Ereignisse. Sie machen sich als Erd- oder Seebeben bemerkbar, wenn sich zwei dieser treibenden Schollen verhakt haben [...]

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Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane

Dieser Text wurde auf der Tagung „Gesund-Sein aus Bewußtsein“, 3.-5. April 2009 in der Akademie Tutzing vorgetragen. Es geht darin um die (Un)Möglichkeit, in der modernen Gesellschaft zu einer „ganzheitlichen“ Heilkunde zu finden.

Brauner Biber, ein Jäger vom Stamm der Kwakiutl-Indianer, schleppt sich zu Quesalid, dem Schamanen des Stammes. Er ist ganz plötzlich, als er sich zu einer seiner Fallen bückte, von einem Zauberdorn getroffen worden. Ein stechender Schmerz macht ihn seither fast bewegungsunfähig. Er muss von seiner Frau gestützt werden, die [...]

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Kleists Narzissmus

Vortrag auf der Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist Gesellschaft in Berlin, November 2008

Jemanden wie Heinrich von Kleist würde man heute in die Psychiatrie stecken. Schon als Kind sei er, so ist es überliefert, ein nicht zu dämpfender Feuergeist gewesen – man hätte ihm heute das Zappelphilippsyndrom zugeschrieben, und Pillen gegen ADHS hätte er bekommen, um den krassen Wechsel zwischen Hyperaktivität und Depressivität ins Flussbett der Gewöhnlichkeit hineinzudämmen. Aber könnten wir dann dieses grandiose dichterische Werk bewundern?

So schreibt der Germanist Hermann Kurtze in einer Sammelrezension neuer Kleist-Biographien. Ich widerspreche dem. Kleists Verhalten wäre gegenwärtig nicht unproblematisch, gewiss. Vielleicht würde er wie [...]

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Die Macht der Religion (Teil 1)

Warum der Mensch sich Gott erschuf

Zufällig ist während eines Regentages eine flache Schüssel auf der Terrasse stehen geblieben. Am nächsten Morgen sieht die Hausfrau entzückt, dass die Schale als Vogeltränke angenommen wird, ein niedliches Vögelchen pickt Wasser aus ihr. Als sie die Idylle ihrem Mann zeigen will, ihn ruft und nun noch einmal hinsieht, nimmt sie etwas ganz anderes wahr: Das niedliche Vögelchen ist eine hässliche Krähe, die weit hinten im Rasen nach Würmern sucht. Für einen Augenblick hatte die Beobachterin gezaubert, sie hatte die Bilder der Schale und des Vogels auf ihrer Netzhaut mit ihrem Wunsch nach einer [...]

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