Alle Artikel in: Kolumnen

Notizen zum letzten Drittel

Das letzte Lebensdrittel beginnt mit 60 Jahren. Wer um diese Zeit noch gesund ist und ein wenig Glück hat, kann die 90 erreichen, aber jedem nachdenklichen Menschen ist auch klar, dass er nicht nur nicht mehr jünger wird – das sagen wir ja schon mit dreißig oder vierzig Jahren – sondern auch viel von den Sicherheiten und Fertigkeiten verlieren wird, die ihm lange Jahre selbstverständlich waren.

Die spontane Reaktion auf diese Verluste ist es, sie zu leugnen. Der schöne Satz von der Jugend, die Trunkenheit ohne Wein sei, wird umgedreht: Wir trinken uns jung, wir dürfen dann endlich wieder kindisch [...]

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Mitleid, Beileid, Mehrleid

In manchen Traueranzeigen findet sich ein kleiner Satz: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir abzusehen.“ Manche der Teilnehmer an dem Abschiedsritual werden aufatmen; andere fühlen sich bevormundet. Die Angehörigen des Verstorbenen sagen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. Ist das eine Gegenströmung in einem Ritual, in dem Menschen zusammen kommen, um sich von einem der ihren zu verabschieden und jene zu trösten, welche dieser Verlust am schmerzlichsten trifft? Wohl eher ein Ausdruck der Unterschiedlichkeit und Unberechenbarkeit, die in einer Kultur regieren, die das Verhalten der Personen nicht mehr durch allgemeine Normen reguliert.

Leben und leben lassen, jeden nach seiner [...]

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Der (einst) geliebte Mörder

Am 10.Juli 2013 bewaffnete sich ein 38jähriger Streifenpolizist in einem Münchner Vorort mit seiner Dienstwaffe und einem Revolver. Er fuhr zur Arbeitsstelle seiner Lebensgefährtin, die sich vor kurzem von ihm getrennt hatte; die fünfjährige Tochter des Paars war um diese Zeit bei seinen Großeltern untergebracht. Die Eltern waren sich über das Sorgerecht nicht einig geworden. Der Vater holte die Mutter aus ihrem Betrieb, um mit ihr über das Kind zu reden. Nach einem kurzen Gespräch richtete er seine Dienstwaffe auf sie und schoss das ganze Magazin leer. Sie war sofort tot. Der Täter stieg in sein Auto und erschoss sich [...]

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Arme Kinder

(und sensationslüsterne Erwachsene)
Es gibt zwei Arten von moralischem Schwachsinn. Der eine ist allgemein bekannt und geächtet. Er betrifft die Gewissenlosigkeit des Soziopathen, der ohne Mitgefühl Kinder missbraucht oder Liebe weckt, um besser betrügen zu können. Die zweite Form des moralischen Schwachsinns hingegen verleugnet sich gern. Sie gibt sich manchmal sogar als überlegene Sittenstärke aus.

Mut zum Versagen?

In „Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken“ ringt der Heidelberger Psychotherapeut und Leiter eines Instituts für systemische Therapie Arnold Retzer mit einem Phänomen, das ich einmal in dieser Kolumne die „Operettentherapie“ genannt habe: Dem Zwang zur positiven Stimmung, zur Durchhalteparole, zur Verleugnung von Fehlern, Trauer, Angst und Schmerz. Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!

Zeitgeist, Kultur, Lebensentwürfe einzelner und die rapide steigende Anfälligkeit für Depressionen und Burnout bedingen sich wechselseitig. Wenn wir schon sonst nichts tun können, müssen wir die Wende auf dem Arbeitsmarkt oder an der Konsumfront herbeiglauben. Wagt ein Sportreporter, [...]

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Heilig, still und sehr gefährlich

Weihnachtsglück und Weihnachtskatastrophe
Weihnachtsglück und Weihnachtskatastrophe Wenn sich einer ein rotes Auto gekauft hat, sieht er für eine Weile viel mehr rote Autos parken oder fahren. Dem Autor, der einen Auftrag zu einem Thema hat, geht es nicht anders. Seit ich etwas Analytisches über Weihnachten schreiben soll, kriechen die Weihnachtsgefahren aus allen Ritzen. In Talkshows treten Glücksforscher auf, die bezeichnenderweise im Nebenberuf Kabarett machen (oder umgekehrt). Sie stellen fest, Glück beruhe darauf, dass Erwartungen erfüllt werden, und warnen vor überhöhten Ansprüchen an die fröhliche, selige Zeit.

Der Wirt Butterblume

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf scheinbar „gleiche“ seelische Belastungen. Sexueller Missbrauch führt einmal in ein von Angst und Scham gezeichnetes Leben, ein anderes Mal scheint er eine normale Entwicklung nicht zu beeinträchtigen. Ein Opfer wird von quälenden Erinnerungen heimgesucht und findet nie in ein normales Familienleben, ein anderes entwickelt sich unbeeinträchtigt und erinnert sich erst an das Trauma, als es darüber in der Zeitung liest – ach ja, ich war auch einmal in diesem Internat, diesen Erzieher kenne ich, der ist auch zu mir ins Bett gekommen, widerlich das, ich hatte es vergessen!

Angesichts einer körperlichen Verletzung orientiert sich der [...]

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Labeflasche und Nabelschnur

Neulich sah ich ein Foto: Eine Klasse von Abiturienten des Jahrgangs 2012, korrekt verteilt an ihren abschreibsicheren Tischen. Und auf jedem Tisch stand eine Flasche Mineralwasser. Manches habe ich über mein eigenes Abitur im Jahr 1960 vergessen, aber eines erinnere ich genau: wir saßen auch an abschreibsicheren Tischen, aber niemand hatte etwas zu trinken auf dem Pult stehen.

Der Kulturwandel ist mir auch in den Selbsterfahrungs- und Therapiegruppen aufgefallen. Ich arbeite seit den siebziger Jahren mit solchen Gruppen. Anfangs Diskussionen, ob in den Gruppen geraucht werden durfte oder nicht. Bei mir wurde nicht geraucht. Dann Diskussionen, ob gestrickt werden durfte [...]

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Raubritter und Piraten

Hätte der Rechtsstaat in der Weimarer Republik ordentlich funktioniert, wäre Deutschland das nationalsozialistische Regime erspart geblieben: Verhaftet und des Hochverrats überführt, wurde Adolf Hitler zu einer rechtswidrig geringen Strafe verurteilt. Dem Gericht gefielen seine nationale Rhetorik und sein Hass gegen die sozialdemokratische Regierung, auch wenn es die Tat selbst nicht ignorieren konnte. So verhängte es weder die Todesstrafe noch das Zuchthaus, wie es im Gesetz stand, sondern eine Art ritterliche Haft, die Hitler nutzte, um sich zu erholen und sein Comeback zu planen.

Es ist richtig, dass die Justiz nicht das große Gut ist, sondern das kleinere Übel. Und dass [...]

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Das Finanzgewölbe

Ich ging an jenem Abend vor dem wichtigsten Tage meines Lebens in Würzburg spazieren. Als die Sonne herabsank, war es mir, als ob mein Glück unterginge. Mich schauerte, wenn ich dachte, dass ich vielleicht von allem scheiden müsste, von allem, was mir teuer ist. Da ging ich, in mich gekehrt, durch das gewölbte Tor sinnend zurück in die Stadt. Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen - und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, dass auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken lässt.
So schrieb im Jahr 1800 der als preussischer Offizier und als Student der Mathematik gescheiterte Heinrich von Kleist