Alle Artikel in: Kolumnen

Der Kleiderbaum von Wolfsburg

In einem älteren Reisebericht über Australien habe ich die Geschichte steht die Geschichte vom Kleiderbaum gefunden. Sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie einen kulturellen Abwehrmechanismus anschaulich macht, den ich auch aus der Familientherapie kenne: die Tochter kann sich nicht offen gegen die Mutter durchsetzen, die sie nach ihren Vorstellungen „korrekt“ einkleidet. So führt der Schulweg erst einmal in die heimische Garage oder zu einer Freundin, wo die zerissenen Jeans und das sexy T-Shirt versteckt sind.

Der australische Kleiderbaum steht irgendwo im Busch nahe einer Station, in der die Missionare den Eingeborenen Mehl und Zucker nur dann spenden, wenn [...]

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Nie mehr allein mit Bäumen

Wenn ein Zeitreisender aus den siebziger Jahren heute hier landen würde, wäre ihm vieles vertraut. Der Englische Garten sieht seit zweihundert Jahren nicht viel anders aus als heute, Autos gab es 1970 weniger, Jogger auch, aber die Mütter schoben ihre Kinderwagen, die Hunde spielten miteinander und die Radler kümmerten sich nicht darum, dass manche Wege nur für Fußgänger waren – leben und leben lassen.

Nur in diesem Punkt würde der Zeitreisende glauben, dass viele Spaziergänger verrückt geworden sind: sie führen Selbstgespräche, manche laut, mache verhalten; einige haben die Hand am Ohr, andere sprechen in die Verdickung eines erst bei näherem [...]

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Befreiung aus der Ohnmacht

Was veranlasst Menschen dazu, anderen Menschen bedingungslos zu helfen?

Aggression erregt mehr Aufmerksamkeit als Hilfsbereitschaft. Man muss nur an die Textseiten und Sendeminuten denken, die eine Pflegekraft auf sich zieht, welche einen Schwerkranken vergiftet. Damit verglichen scheint das Interesse für die Krankenschwester minimal, die ihre Patienten aufmerksam betreut. Ähnlich gegensätzlich wirkt die mediale Aufmerksamkeit für die Folgen des Zustroms von Flüchtlingen nach Europa. Einer wird viel diskutiert: die Anschläge auf Unterkünfte und die rassistischen Äußerungen rechter Politiker. Der andere vollzieht sich eher im Verborgenen: die vielfältige Hilfsbereitschaft Freiwilliger, die – an Stunden gemessen – die kriminellen Aktionen aussehen ließe wie eine Pfütze neben dem Meer.

Warum helfen Menschen anderen [...]

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Über das Schwärmen

Es gibt schöne deutsche Wörter, die viel anschaulicher sind als unsere wissenschaftlichen Begriffe und doch aus der Mode kommen. Aber es hat auch seinen eigenen Reiz, herauszufinden, warum das so ist. Schwarm und schwärmen ist ein Begriffspaar, das altertümlich anmutet und doch von zeitloser Eleganz ist. In den Romanen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts schwärmten die Mädchen im Internat für den Schnurrbart des Musiklehrers und die Damen im Theater für die Stimme des Tenors. Ein Mädchen- oder Frauenschwarm zu sein, verlieh dem Mann einen zerbrechlichen Glanz, raubte ihm aber auch etwas an Ernsthaftigkeit.

Nicht, dass nicht auch Frauen [...]

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Das Christkind in der Krippe …und die Eltern, Ochs und Esel

Nachdenkliches über die Liebe zwischen Eltern und Kind

Kann es sein, dass Kinder die natürlichen Feinde der Eltern sind? In eben dem Sinn, in dem Papst Bonifatius VIII (er regierte die Kirche 1294 bis 1303) in der Bulle Clericis laicos erklärt hat, dass „die Laien den Klerikern bitter feind sind“. Alles Übertreibungen? Das von der Geburt des Erlösers geprägte „Fest der Liebe“ kann aber doch zum Anlass werden, über die Problematik nachzudenken, die Themen wie die Liebe zum Kind und die Liebe zwischen Kindern und Eltern umgibt.

Die moderne Liebesbeziehung und mit ihr der Mythos der Ehe beruhen auf dem heimlichen Vertrag, sich Wünsche von den Augen abzulesen. [...]

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Die Wermut-Methode

Während der kurzen und schönen Jahre meines Aussteigerlebens in der Toskana fiel einer Bäuerin aus der Nachbarschaft auf, dass meine Frau unsere älteste Tochter noch stillte, obwohl das Mädchen schon laufen konnte. Sie fand das zu anstrengend für die Mutter, bückte sich und riss eine Staude mit gelben Blüten und silbrig schimmernden Blättern aus, welche die Schafe stehen gelassen hatten, die auf den verlassenen Feldern um unser Haus grasten.

Sie nannte die Pflanze Assenzio. Ich schlug im Lexikon nach. Assenzio maggiore hieß mit lateinischem Namen Artemisia absinthium, zu deutsch Wermut. „Damit reiben wir die Brust der Mutter ein, wenn sie [...]

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Angst und Grausamkeit

Ein Kind, das Fliegen Beine auszupft oder Ameisen mit dem Brennglas verdampft, macht Grausamkeit zum Spiel, ähnlich der Katze, die eine verwundete Maus entkommen lässt und erneut die Krallen in sie schlägt. Die großen Grausamen der Geschichte wirken dem gegenüber weder neugierig noch spielerisch, sondern freudlos und von dem Bedürfnis gehetzt, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Das Kind und die Katze fürchten nicht, dass die Fliege oder die Maus ihnen schaden werden, wenn sie ihnen nicht zuvorkommen.

Die Tyrannen der Geschichte waren von der Phantasie geprägt, anderen antun zu müssen, was diese sonst ihnen antun würden. Die kindliche Grausamkeit [...]

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Dr. Schreck und Dr. Glück

An einem Dienstag im Februar 2014 wurde ein niederländischer Facharzt für Neurologie wegen schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er habe Jahre lang bei vielen Patienten willkürlich schwere Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson diagnostiziert, befand das Gericht. Er habe sie mit Medikamenten versorgt, die sie nicht brauchten und schmerzhafte diagnostische Eingriffe (wie Punktionen des Rückenmarks) durchgeführt, die nicht angezeigt waren. Eine Patientin beging nach einer falschen Diagnose Suizid, eine andere wurde durch eine fehlerhafte Punktion gelähmt und starb kurze Zeit danach.

Trotz unwiderleglicher Beweise für seine falschen Schreckensdiagnosen behauptete Ernst J.S. durchgängig, er habe sich nichts vorzuwerfen und nach [...]

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Notizen zum letzten Drittel

Das letzte Lebensdrittel beginnt mit 60 Jahren. Wer um diese Zeit noch gesund ist und ein wenig Glück hat, kann die 90 erreichen, aber jedem nachdenklichen Menschen ist auch klar, dass er nicht nur nicht mehr jünger wird – das sagen wir ja schon mit dreißig oder vierzig Jahren – sondern auch viel von den Sicherheiten und Fertigkeiten verlieren wird, die ihm lange Jahre selbstverständlich waren.

Die spontane Reaktion auf diese Verluste ist es, sie zu leugnen. Der schöne Satz von der Jugend, die Trunkenheit ohne Wein sei, wird umgedreht: Wir trinken uns jung, wir dürfen dann endlich wieder kindisch [...]

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Mitleid, Beileid, Mehrleid

In manchen Traueranzeigen findet sich ein kleiner Satz: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir abzusehen.“ Manche der Teilnehmer an dem Abschiedsritual werden aufatmen; andere fühlen sich bevormundet. Die Angehörigen des Verstorbenen sagen, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen. Ist das eine Gegenströmung in einem Ritual, in dem Menschen zusammen kommen, um sich von einem der ihren zu verabschieden und jene zu trösten, welche dieser Verlust am schmerzlichsten trifft? Wohl eher ein Ausdruck der Unterschiedlichkeit und Unberechenbarkeit, die in einer Kultur regieren, die das Verhalten der Personen nicht mehr durch allgemeine Normen reguliert.

Leben und leben lassen, jeden nach seiner [...]

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