Alle Artikel in: Artikel

Lob der Gruppentherapie

Während die klassische Psychoanalyse mit zwei Personen arbeitet und das Gegenüber des Klienten der Experte ist (der dadurch naturgemäß eine sehr mächtige Position gewinnt), stellt die analytische Gruppe eine Großfamilie her, in der ein (manchmal zwei) Leiter einer Mehrheit von Klienten gegenübersitzen. Dadurch wird die Zahl der möglichen Beziehungen multipliziert; das Werkzeug einer analytischen Behandlung, die Übertragung, ebenfalls.

Analytiker, die mit Gruppen nicht vertraut sind, haben daher oft eingewendet, die Übertragungen in einer solchen Gruppe seien unanalysierbar. Natürlich können sie mit solchen Argumenten nur Gläubige überzeugen, die nicht ahnen, dass auch in der korrektesten Einzelanalyse keineswegs alle Übertragungen analysiert werden. [...]

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Die Freude am Verfahren

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – Ein Widerspruch

I.

Im Juni 2009 rief mich Hanjo Seissler an, der früher in der Zeitschrift natur eine Kolumne von mir angeregt und betreut hatte. Ich sollte einen Essay für die Süddeutsche Zeitung schreiben; dort solle eine Beilage erscheinen, in der eine Reihe von Publizisten, Wissenschaftlern und Künstlern darüber nachdenken sollten, was Menschen freut. Der für mich geplante Titel sei „Die große Freude“. Er erwähnte andere Autoren, bekannte Namen darunter. Wir plauderten ein wenig über die Zeit bei NATUR und Manfred Bissinger. Irgendwann erwähnte er auch, die SZ interessiere sich [...]

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Unsere Kindersoldaten

Die überlastete Kränkungsverarbeitung in den Schulen ist längst bekannt; sie wird verleugnet, bis sie explodiert

Eine der Merkwürdigkeiten im Umgang der Medien mit dem jüngsten Amoklauf eines Schülers war die lang anhaltende und zickig wirkende Debatte, ob es gut oder schlecht gewesen sei, eine gefälschte Internet-Botschaft unter die Leute zu bringen. Dieses Detail, das viele Druckseiten gefüllt und Sendeminuten verschluckt hat, verrät vielleicht mehr als viele andere die ganze hilflose Augenwischerei im Umgang mit solchen Ereignissen. Es wurde gestritten, als würde eine fiktive Botschaft in einem Blog ein existenzielles Geheimnis über die Tat enthüllen, während doch das wahre Problem ist, [...]

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Innenansichten zum Amoklauf

Ein erster Entwurf der folgenden psychologischen Skizze entstand nach dem blutigen Amoklauf an einer deutschen Schule in Freising im Februar 2001. Sie sucht die innere Situation eines Tätertypus zu erfassen, der seit Erfurt nicht mehr aus den Schreckensszenarien unseres neuen Jahrhunderts wegzudenken ist.

Wenn es einem Menschen nicht gelingt, befriedigende Gefühlsbeziehungen herzustellen, führt das zu einem Mass von innerem Elend und ständiger Angst, das sich „normale“ Personen nicht vorstellen können. Die narzisstische Beziehungslähmung führt zu einem quälenden Neid auf alle Menschen, die in jenen „guten“, entspannten Beziehungen leben, die sich der Gestörte nicht zutraut und nicht vorstellen kann. Er steht [...]

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Grossvater war im Krieg

Viele deutsche Familien sind durch traumatisierte Eltern geprägt
Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, Dezember 2008
Neulich las ich in dem Bericht einer Tageszeitung über eine Schiesserei in einer Fussgängerzone. Der Text zeichnete ein Bild von Gewalt und Blutvergießen an einem sonnigen Nachmittag. Das Rote Kreuz habe nach dem Ereignis ein Zelt aufgebaut, in dem sich die seelisch traumatisierten Passanten von geschulten Therapeuten helfen lassen konnten. Mir schien das lächerlich, wehleidige Fußgänger und Helfer, die Selbstmitleid fördern! Sobald ich über meine spontane Reaktion nachdachte - schließlich bin ich selbst Therapeut und es steht mir nicht zu, mich über Kollegen zu erheben - kam mir in den Sinn, wie zeitgebunden unser Gefühl für seelische Traumatisierungen ist. Ich bin 1941 geboren, erinnere mich noch an Bombenangriffe, wuchs in einer Welt von Soldatengeschichten auf und habe als kleines Kind den Soldatentod meines Vaters ohne bewusste Trauer hingenommen. So war es auch mir eigentlich selbstverständlich, mich nicht der "wehleidigen" Beschäftigung mit den Traumen des Krieges hinzugeben.

Helfersyndrom reloaded

Erschienen in: Psychologie heute, Januar 2009
Von Alfred Adler wird erzählt, dass eines Tages ein Mann in seine Praxis kam. „Ich leide an einem Minderwertigkeitskomplex, Herr Dr. Adler“, soll der Hilfesuchende gesagt haben. „Wissen Sie, was das ist?“ Adler wusste es nur zu gut, denn er hatte diesen Begriff formuliert. Mit dem Helfersyndrom ist es nicht viel anders. Ein Pflegelehrer hat mich einmal gefragt, ob ich wüsste, dass alle seine Schüler immer wieder vom Helfer-Syndrom reden, als sei das eine Störung, die andere haben, sie aber nicht.

Die verletzte Narzisse

Britney Spears aus der Sicht des Narzissmusforschers

Teenie-Star ist ein verächtliches Wort. Es sagt etwas über die Angst der Älteren. Teenie-Stars sind keine süssen Kinder, sondern hart arbeitende, zielbewusste Künstler, Jäger des Ruhms, die begriffen haben, wo sie den Weg zur Spitze suchen müssen. Der Mensch erreicht mit 14 Jahren den Höhepunkt seiner geistigen und physischen Leistungsfähigkeit. Niemals wieder wird er so schnell denken, unbekannte Probleme lösen, sich nach Verletzungen erholen können. Natürlich fehlt den jungen Frauen und Männern die Erfahrung. Aber was ist Erfahrung? Erfahrung mag ausnahmsweise auch einmal weise machen; die meisten Menschen engt sie ein.
In einer [...]

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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud

Freud wurde am 6. Mai1856 geboren, im Todesjahr von Heinrich Heine. Seine Jugend in Wien war von einer Epoche bestimmt, in der die Utopie einer friedlichen, von Wissenschaft und Bildung getragenen, liberalen und multikulturellen Gesellschaft zum Greifen nahe schien. Seit 1848 hatte sich die Lage der Juden in der Donaumonarchie stetig verbessert, um 1867 waren alle Reste rechtlicher Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit beseitigt worden (die bis dahin beispielsweise jüdische Hebammen in nichtjüdischen Haushalten verboten). Juden waren wählbar, sie stellten Bürgermeister der liberalen Partei, „jeder fleissige Judenknabe (trug) also das Ministerportefeuille in seiner Schultasche“, wie [...]

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Wenn du mir fremd bist, lieb ich dich

Die seelischen Probleme der interkulturellen Partnerschaft

Auf den ersten Blick wirkt das Fremde oft nah – als sei es nur einen Schritt weit entfernt. Erst wenn wir diesen Schritt getan haben, erkennen wir, wie fremd es wirklich ist und wieviel uns noch zur Verständigung fehlt. Als Student lebte ich für eine Weile als Aussteiger in der Toscana und glaubte, wenn ich erst einmal besser italienisch spräche, wäre ich ganz wie meine Nachbarn. Es waren sehr gastfreundliche Menschen, offen und herzlich, ich litt sehr unter meinem Haschen nach verständlichen Worten und meinem Gestammel. Und so lernte ich den toscanischen Dialekt so [...]

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