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Und was kann ich tun gegen die Angst?

Zu den großen Plagen des menschlichen Lebens gehört der Schmerz. Wenn uns etwas wehtut, sind wir sehr dankbar, wenn es wieder aufhört. Und doch ist völlige Schmerzunempfindlichkeit ein gefährliches, sehr seltenes Krankheitsbild. Die betroffenen Personen sind alles andere als glücklich mit ihrer Analgesie. Sie werden oft lebensbedrohlich verletzt, wenn beispielsweise Gliedmassen verbrennen oder erfrieren, ohne dass sie rechtzeitig gewarnt werden.

Kann keine Trauer sein

Immer noch prägt das Trauma der NS-Zeit die Familien In der „Zeitzeugen“-Serie der Süddeutschen Zeitung erschien am 24.4. 2010 der folgende Artikel in einer gekürzten Version. Hier der vollständige Text. 1945 waren die meisten Deutschen überzeugt, sie seien Hitler nur aus Angst und unter Druck gefolgt. Das kleine schlechte Gewissen, das im Hintergrund so großer Begeisterung geblieben war, das Zweifel angemeldet hatte am Sinn dieser geistigen...

Das Königreich von Saba und die „Brutstätte des Terrors“

Die Berichterstattung über den Jemen wird Südarabien nicht gerecht. Sie führt das politische Denken in eine gefährliche Richtung Südarabien ist einzigartig. Nach dem Reich der legendären Königen von Saba, in dem vor dreitausend Jahren die fortschrittlichsten Bewässerungsanlagen der Welt entstanden, wurde der Jemen von jüdischen, christlichen und schließlich muslimischen Fürsten beherrscht. 1969 spaltete er sich in einen sozialistischen Süden und einen konservativen Norden. Heute sucht das wieder vereinte Land einen politischen Weg, in dem die arabischen Stämme immer noch eine wichtige Rolle spielen.

Lob der Gruppentherapie

Während die klassische Psychoanalyse mit zwei Personen arbeitet und das Gegenüber des Klienten der Experte ist (der dadurch naturgemäß eine sehr mächtige Position gewinnt), stellt die analytische Gruppe eine Großfamilie her, in der ein (manchmal zwei) Leiter einer Mehrheit von Klienten gegenübersitzen. Dadurch wird die Zahl der möglichen Beziehungen multipliziert; das Werkzeug einer analytischen Behandlung, die Übertragung, ebenfalls.

Analytiker, die mit Gruppen nicht vertraut sind, haben daher oft eingewendet, die Übertragungen in einer solchen Gruppe seien unanalysierbar. Natürlich können sie mit solchen Argumenten nur Gläubige überzeugen, die nicht ahnen, dass auch in der korrektesten Einzelanalyse keineswegs alle Übertragungen analysiert werden. [...]

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Die Freude am Verfahren

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – Ein Widerspruch

I.

Im Juni 2009 rief mich Hanjo Seissler an, der früher in der Zeitschrift natur eine Kolumne von mir angeregt und betreut hatte. Ich sollte einen Essay für die Süddeutsche Zeitung schreiben; dort solle eine Beilage erscheinen, in der eine Reihe von Publizisten, Wissenschaftlern und Künstlern darüber nachdenken sollten, was Menschen freut. Der für mich geplante Titel sei „Die große Freude“. Er erwähnte andere Autoren, bekannte Namen darunter. Wir plauderten ein wenig über die Zeit bei NATUR und Manfred Bissinger. Irgendwann erwähnte er auch, die SZ interessiere sich [...]

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Unsere Kindersoldaten

Die überlastete Kränkungsverarbeitung in den Schulen ist längst bekannt; sie wird verleugnet, bis sie explodiert

Eine der Merkwürdigkeiten im Umgang der Medien mit dem jüngsten Amoklauf eines Schülers war die lang anhaltende und zickig wirkende Debatte, ob es gut oder schlecht gewesen sei, eine gefälschte Internet-Botschaft unter die Leute zu bringen. Dieses Detail, das viele Druckseiten gefüllt und Sendeminuten verschluckt hat, verrät vielleicht mehr als viele andere die ganze hilflose Augenwischerei im Umgang mit solchen Ereignissen. Es wurde gestritten, als würde eine fiktive Botschaft in einem Blog ein existenzielles Geheimnis über die Tat enthüllen, während doch das wahre Problem ist, [...]

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Innenansichten zum Amoklauf

Ein erster Entwurf der folgenden psychologischen Skizze entstand nach dem blutigen Amoklauf an einer deutschen Schule in Freising im Februar 2001. Sie sucht die innere Situation eines Tätertypus zu erfassen, der seit Erfurt nicht mehr aus den Schreckensszenarien unseres neuen Jahrhunderts wegzudenken ist.

Wenn es einem Menschen nicht gelingt, befriedigende Gefühlsbeziehungen herzustellen, führt das zu einem Mass von innerem Elend und ständiger Angst, das sich „normale“ Personen nicht vorstellen können. Die narzisstische Beziehungslähmung führt zu einem quälenden Neid auf alle Menschen, die in jenen „guten“, entspannten Beziehungen leben, die sich der Gestörte nicht zutraut und nicht vorstellen kann. Er steht [...]

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Grossvater war im Krieg

Viele deutsche Familien sind durch traumatisierte Eltern geprägt
Erschienen in: Stuttgarter Zeitung, Dezember 2008
Neulich las ich in dem Bericht einer Tageszeitung über eine Schiesserei in einer Fussgängerzone. Der Text zeichnete ein Bild von Gewalt und Blutvergießen an einem sonnigen Nachmittag. Das Rote Kreuz habe nach dem Ereignis ein Zelt aufgebaut, in dem sich die seelisch traumatisierten Passanten von geschulten Therapeuten helfen lassen konnten. Mir schien das lächerlich, wehleidige Fußgänger und Helfer, die Selbstmitleid fördern! Sobald ich über meine spontane Reaktion nachdachte - schließlich bin ich selbst Therapeut und es steht mir nicht zu, mich über Kollegen zu erheben - kam mir in den Sinn, wie zeitgebunden unser Gefühl für seelische Traumatisierungen ist. Ich bin 1941 geboren, erinnere mich noch an Bombenangriffe, wuchs in einer Welt von Soldatengeschichten auf und habe als kleines Kind den Soldatentod meines Vaters ohne bewusste Trauer hingenommen. So war es auch mir eigentlich selbstverständlich, mich nicht der "wehleidigen" Beschäftigung mit den Traumen des Krieges hinzugeben.

Helfersyndrom reloaded

Erschienen in: Psychologie heute, Januar 2009
Von Alfred Adler wird erzählt, dass eines Tages ein Mann in seine Praxis kam. „Ich leide an einem Minderwertigkeitskomplex, Herr Dr. Adler“, soll der Hilfesuchende gesagt haben. „Wissen Sie, was das ist?“ Adler wusste es nur zu gut, denn er hatte diesen Begriff formuliert. Mit dem Helfersyndrom ist es nicht viel anders. Ein Pflegelehrer hat mich einmal gefragt, ob ich wüsste, dass alle seine Schüler immer wieder vom Helfer-Syndrom reden, als sei das eine Störung, die andere haben, sie aber nicht.