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Amok im Alltag

Am letzten Tag ihres Kurzurlaubs mit ihren zwei schulpflichtigen Töchtern auf einem Reiterhof bei Murnau fuhr die 47jährige Ärztin Dagmar O. auf einem schmalen, zugeparkten Weg von St. Alban am Ammersee in Richtung Riederau. Sie musste anhalten, weil sich vor ihr ein Ehepaar mit Hund ins Auto zwängte. Ein Radler auf einem Montainbike quetschte sich zwischen den Fahrzeugen durch, beschädigte den Außenspiegel an ihrem Wagen und fuhr weiter.

Dagmar O. schrie ihm nach. Der Radler zeigte ihr den Stinkefinger. Ein Passant sagte: „Fahren Sie ihm nach, den kriegen Sie noch.“ Dagmar O. wendete und verfolgte den Radler über fast zwei Kilometer. Auf einem Schotterweg rammte sie ihn und überfuhr den Gestürzten. Der 40jährige Ingenieur Michael S. blieb schwer verletzt, bewusstlos und mit mehreren Knochenbrüchen liegen. Er kann sich nicht an das Geschehen erinnern und weiß nicht, ob er es war, der das Auto seiner Verfolgerin beschädigt hat.
Vielleicht hat mich diese Geschichte beschäftigt, weil ich den Ort des Geschehens gut kenne – ich selbst habe mich schon oft auf dem Rad durch diesen an heissen Sommertagen zugeparkten Seeweg geschlängelt und die radfahrertypischen Hassgefühle gegen die Blechkisten mehr oder weniger gut verdrängt.

Weit wichtiger als diesen Aspekt finde ich aber den Verlust von Proportionen und die hier schlagartig an die Oberfläche tretende Rachsucht bei einer Frau, die in einem helfenden Beruf arbeitet und deren Tochter jüngst anläßlich der gerichtlichen Aufarbeitung dieses Geschehens fassungslos sagte: „Mama, warum hast du das gemacht, du bist doch Ärztin?“ Dagmar O.s Ehe war schief gegangen; der Verteidiger suchte mit Hilfe eines Gutachters das Gericht zu überzeugen, dass seine Mandantin in dem Radler eigentlich ihren untreuen Ehemann zur Strecke bringen wollte. Als ob das eine Entschuldigung wäre.

Ich meine schon öfters bei Helfern beobachtet zu haben, dass ihr Vertrauen in den Rechtsstaat wackelig ist und ihre Einfühlung aussetzt, wenn sie die narzisstische Verwöhnung gefährdet sehen, die ihre berufliche Rolle auszeichnet. An kaum einem Ort wird so destruktiv gestritten, soviel gemobbt wie in Krankenhäusern. So wundert es mich eigentlich nicht, dass es eine Ärztin war, keine Geschäftsfrau, welche den Schaden an ihrem Außenspiegel durch eine (selbst)mörderische Aktion rächte.

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