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Empathie, ersehnt und überschätzt

Dem Mythos von der emotionalen Intelligenz folgt die Sage über das empathische Gehirn

Je weiter Spezialistenwissen unsere Welt in immer kleinere Teile auflöst, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Vereinfachung. Der Wunsch nach Synthese führt uns zur Konzentration auf den Event, der alle Aufmerksamkeit bündelt und die Vielfalt ordnet. Er lässt uns nach psychologischen Begriffen suchen, die eine neue und gute Einheit unter den Menschen versprechen. Nach der „emotionalen Intelligenz“ und dem „positiven Denken“ – beides für den kritischen Forscher Widersprüche in sich – gerät gegenwärtig die Empathie in Mode.

Die Suche nach einem Verständnis dieser Faszination führt zurück in das 19. Jahrhundert. Sie fordert sich mit jenen Prozessen zu beschäftigen, die heute in der Soziologie unter „Individualisierung“ der zugleich auch ein Prozess der Verstädterung ist. Wer in die eigene Familiengeschichte zurück blickt, entdeckt immer auch in ihr Spuren jenes Prozesses, der in den Jahren von 1850 bis 1950 in den meisten europäischen Ländern dazu führte, dass eine anfangs zu 80 Prozent in Dorfgemeinden lebende Bevölkerung mehrheitlich in die Städte zog. Sie erlernte neue Berufe, strebte nach Selbstverwirklichung.

Die Denker, welche diesen Prozess begleitet haben, haben seine Gefahren wie seine Chancen ins Grundsätzliche formuliert: Nietzsche sah das radikal nach Selbstverwirklichung strebende Individuum als Bestie, die unerschrocken über zertrümmerten Götterbildern ihren Weg sucht. Schopenhauer hat demgegenüber die Substanz der Kräfte, welche die Menschen verbinden, im Mitleid gesucht. Der einzige Grund, uneigennützig zu handeln, ist nach ihm die Erkenntnis des Eigenen im Anderen. Der vom blinden Lebenswillen getriebene Mensch erkennt, dass in allen anderen Lebewesen derselbe blinde Wille haust und sie ebenso leiden lässt wie ihn. Durch das Mitleid wird die Selbstsucht überwunden, der Mensch identifiziert sich mit dem Anderen durch die Einsicht in das Leiden der Welt. Verletze niemanden, vielmehr hilf allen, soweit du kannst. Ist für Schopenhauer das Prinzip aller Moral.

Nietzsche widerspricht Schopenhauer und konstruiert einen Gegensatz von Herren- und Sklavenmoral. Herrenmoral sei die Haltung jener, die zu sich selbst und ihrem Leben Ja sagen könnten. Sklavenmoral werte ihr Gegenüber, die Herrschenden, Glücklichen, Ja-Sagenden  als böse und mache sich selbst zu deren gutem Gegensatz. Das Christentum habe die Sklavenmoral zum Teil hervorgerufen, in jedem Fall aber begünstigt und sie dadurch zur herrschenden Moral gemacht.

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1 Kommentare

  1. ClauDie sagt

    Ersehnt nur von Personen, die Empathie besitzen und den Wunsch des Austausches hegen, um das Gefühl eines klaren Verstandes, bestätigt bekommen zu können.
    Auf Dauer macht Einsamkeit unglücklich, zumindest wenn die Psyche keine gesunde Entwicklung hatte und vieles nachgeholt und oder sogar komplett UMgelernt werden muss.
    Wenn man auf sich allein gestellt ist, dauert es etwas länger, denn der Ratgeber wurde nicht mit in die Wiege gelegt.
    In solchen Fällen, wünscht man sich, mehr VerSTAND.

    Es gibt gewiss unzählige Unterschiede unter Empathen. Dies ist jedenfalls meine persönliche Überzeug, denn es waren nur wenige, die meinen Weg kreuzten.

    Ich weiß nicht was ich bin, aber ich weiß wer ich bin und bis jetzt in der ausführlichen Form, einzigartig.
    Bezogen auf mein Ganzes Dasein, verspüre ich stark den Drang mit dem Ursprung Eins zu werden.
    Das Muster des Universums klar zu sehen, es leben und genießen, es vor allem Verstehen.
    Das ist doch nur eine stetige Optimierung des Ganzem, unserer Selbst, unserer Umgebung und Umwelt. Würde ein gesundes Bewusstsein auf diesem Planeten herrschen, ein Gleichgewicht ausgearbeitet werden, welches Gutes&Schlechtes vereint und das Ergebnis eine Welt voller neuer Möglichkeit wäre, ein Ende und ein Anfang.
    Es ist so simpel, aber anscheinend nicht möglich umzusetzen, weil die Natur vom Menschen besetzt wird.

    Und somit teile ich auf einer der anderen Seiten die Meinungen, dass es vielleicht der Wahrheit entspricht, dass Empathie nicht das Richtige für die Menschen ist. Dies allerdings nur durch erzwungene Toleranz, denn dass es möglich wäre, beweist man sich jeden Tag aufs Neue, bis zu dem Tag an dem man sich aus niedrigeren Gründen dagegen entscheidet.
    Unser Planet könnte schon sehr lange sich in einer besseren Verfassung befinden, aber solange die „Krankheit“ (des) Menschen nicht behandelt wird, sehe ich keine sehr lange Zukunft des uns bekannten Universums.

    Da die Menschen aus Faulheit und Bequemlichkeit immer mehr vergessen und verdrängen, frage ich mich was da noch überbleiben soll?

    Wenn es keine Empathie, Sensibilität, Charakter und Intelligenz gibt, dann hat die Natur es lange genug ausgehalten und der Mensch darauf hingearbeitet auszusterben. Die Erde könnte sich erholen und neuen Lebensformen die Chance geben sich zu beweisen.
    Empathen vergessen immerhin nicht wie sich der Umgang mit dem Leben gehört, dafür braucht man keine Intelligenz, das fühlt man.
    Dies ist nach meiner Rechnung, nicht die schlechteste Eigenschaft, denn diese Gruppe, würde in einer gesunden Umgebung niemand stören.

    Was wenn ausgerechnet diese im Endeffekt Recht behalten und aus Ignoranz, Egoismus, Unwissenheit. Dummheit (…) -Gründen nicht geschätzt werden. Jeder hat die Mittel das Beste aus sich zu schöpfen, es muss nur von allen gewollt werden.

    Hier breche ich ab, denn meine Gedanken kennen kein Ende…

    Schon mal dadrüber nachgedacht, dass wer interessiert ist auch die richtigen Fragen stellt?

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