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Grooming oder Mobbing?

Wer einen psychologischen Grundkurs absolvieren möchte, kann in Vorlesungen gehen oder in den Zoo. Eindrücklicher als im Proseminar wird er am Pavianfelsen belehrt. Hier kann er studieren, wie Primatenmütter ihre Säuglinge zärtlich an sich drücken, aber ihre halberwachsenen Kinder energisch weiterschicken, wenn diese das Hotel Mama beanspruchen. Es wird ihm deutlich, dass Aggressionen nichts Destruktives sind, sondern Teil des Neugierverhaltens – ausprobieren, was geht, alle körperlichen Fähigkeiten üben. Er wird sehen, dass die erwachsenen Tiere die jungen nicht kontrollieren, aber energisch einschreiten, wenn es zu laut wird. Und während die Jungen raufen, gibt es bei den Alten nur ganz selten körperliche Auseinandersetzungen.

Das ist eine ganz kursorische Zusammenfassung, die zu unserer Titelfrage führen soll. Am Pavianfelsen können wir auch das bei weitem häufigste Sozialverhalten unserer Vorläufer in der Evolution beobachten. Denn die wichtigste Beschäftigung auf dem Felsen ist das Grooming, auch Komfortverhalten genannt, eine wohltuende Beschäftigung mit der Oberfläche eines Gegenübers. Grooming geht weit über Lausen hinaus, auf das es manchmal reduziert wurde. Es ist Frisieren, Rückenkratzen, Streicheln, paarweise oder in kleinen Gruppen, mal aktiv, mal passiv zum sichtlichen Genuss der Beteiligten.

Mobbing ist heute ein Modebegriff. Wir würden ihn nicht so oft benutzen, wenn er nicht etwas erfassen könnte, was die Menschen beschäftigt. Im Alltag meinen wir mit Mobbing eigentlich jedes kränkende Verhalten, jeden Versuch, uns zu vermitteln, dass wir an diesem Platz, so wie wir sind, nicht bleiben sollten und jemand anderer besser auf ihn passen, weniger stören würde. In dem Wort schwingt mit, dass wir die Opfer eines bösen und im Grunde ungerechtfertigten Angriffs sind.
In der Verhaltensforschung wird mit Mobbing die drohende, feindselige Reaktion von gruppenlebenden Tieren beschrieben. Krähen mobben die Eule oder die Katze, welche sich ihrer Nistkolonie nähert, indem sie krächzen und Droh-Angriffe fliegen. Hühner mobben das hinkende, das räudige Huhn, ähnlich wie die Kinder einer Schulklasse ihren Prügelknaben nach einem Merkmal wählen, das ihn von der Masse negativ unterscheidet – er ist besonders ungeschickt, ängstlich, hässlich usw. Zum Mobbing gehört oft das Gefühl, als Einzelner einer Übermacht ausgeliefert zu sein, was freilich durchaus subjektiv sein kann. Wer Angst verspürt, zählt jeden Feind doppelt.

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1 Kommentare

  1. R. Niesler sagt

    Sehr geehrter, lieber Herr Schmidbauer,

    herzlichen Dank für diesen wunderbaren Artikel!!!!!! Ich finde diesen Wirkungsmechanismus ganz ausgezeichnet analysiert; u. nicht nur das, sondern auch die Vorbeugung u. vor allem den passenden, erfrischend simplen Vergleich mit unseren ‚Vorgängern‘!
    Wirklich gelungen, hilfreich einfach u. realistisch! Herzlichen Dank dafür nochmal!

    Herzliche Grüsse
    Ihre
    R. Niesler

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