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Bestrafte Treue

Wenn mein Internetzugang wieder einmal streikt, treffe ich sogleich alle Anstalten für eine Reparatur. Ich rufe meine Tochter Lea an. Sie erkennt schon am Ton meiner Stimme, dass ich vom Netz abgeschnitten bin. Lea ist die Elektronik-Spezialistin der Familie, seit sie noch als Schülerin von einem befreundeten Microsoft-Mitarbeiter die ersten Einweisungen in die DOS-Welt erhalten hat. Sie ist manchmal gestresst. Sie hat unter ihrer Begabung zu leiden, denn sie hat eigentlich einen ganz anderen Beruf und ich bin keineswegs der einzige, der mit solchen Nöten bei ihr Zuflucht sucht. Sicher wünscht sie sich manchmal, blöder zu sein, dann hätte sie öfter ihre Ruhe.
Diesmal haben wir herausgefunden, dass das DSL-Modem manchmal Aussetzer hat, und haben an seiner Stelle eine Fritz-Box eingebaut. Das klingt für mich eindrucksvoll, weil ich keine Ahnung habe, was der Unterschied zwischen beiden ist. Aber bei dieser Gelegenheit sind wir dank einer eingebauten Schlauheit dieser Fritz-Box auch darauf gekommen, dass mein vor zwei Jahren gekaufter DSL-Zugang viel zu langsam ist. Seit einem Jahr lebe ich in einem Zustand, in dem ich für die Treue zu meinem Anbieter systematisch bestraft werde. Wenn ich den Vertrag nach einem Jahr gekündigt und einen neuen abgeschlossen hätte, würde ich die vierfache Datenmenge für das gleiche Geld bekommen, oder die gleiche Datenmenge für einen deutlich reduzierten Preis.
„Das kann doch nicht wahr sein! Da wird man ja als Kunde für seine Treue bestraft!“ sagte ich.
„Davon leben die“, entgegnet meine kundige Tochter. „Ist dir das noch nicht klar geworden? Neulich hab ich dem H. hundert Euros pro Monat gespart, weil der einfach seine alten Verträge immer weiter hat laufen lassen. Und wenn die Anna (ihre jüngere Schwester) im Monat über hundert Euro vertelefoniert, liegt das nur daran, dass sie nicht aufgepasst hat; ich telefoniere mehr als sie und zahle nur einen Bruchteil!“
Sie hat sich dann ans Telefon gehängt, den Anbieter angerufen, ihm ganz sachlich erklärt, dass doch für die bezahlte Flatrate inzwischen sehr viel mehr Daten fliessen müssen, hat sich erklären lassen, wie man den Vertrag ändert, das Formular aus dem Internet geholt, ausgefüllt, ausgedruckt. Ich musste nur noch unterschreiben und faxen.
Dann hat sie mich noch belehrt, dass mein Firefox total veraltet ist, hat die neueste Version aus dem Internet geladen, hat sich drei Krimis geliehen – denn eigentlich ist sie krank und müsste im Bett liegen – und ist nach Hause gefahren.
So ist das also mit dem Lohn für die Treue!

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